Der Bombenangriff auf Guernica: ein Treffer mitten in Picassos Herz

Von |2018-07-12T16:44:16+00:0011.07.2018|Kategorien: Unkategorisiert|Tags: , , |0 Kommentare

Vor einigen Wochen hatte ich während eines Aufenthalts in Münster schon mal einen kurzen Blick auf die im Rahmen von »Frieden. Von der Antike bis heute« stattfindende Ausstellung im Picasso-Museum geworfen. Sie trägt den Titel »Picasso – Von den Schrecken des Krieges zur Friedenstaube«. Schnell merkte ich, dass ich dabei etwas irritiert und planlos durch die Räume ging und fasste schließlich den Entschluss, bei meinem nächsten Besuch in Münster an einer Führung teilzunehmen.

Vorige Woche war es soweit. Mit dem Ergebnis: Der geführte Gang durch die Ausstellung war sehr bereichernd. »Gepackt« haben mich dabei weniger die Exponate selbst, sondern vielmehr die Geschichte, die hinter der Ausstellung steht.

In dieser wird erzählt, welche Zerwürfnisse in seinem Leben und in seinem Land Picasso dazu gebracht haben, politische Kunstwerke zu schaffen. Man lernt den älteren Picasso kennen und beginnt zu verstehen, unter welch schwierigen Umständen er zur Zeit des Nationalsozialismus arbeitete und welchen Wendepunkt für ihn der Bürgerkrieg in Spanien markierte.

 

Zum Anfang erst einmal in den hintersten Raum

Für die Führung hatte ich mich verabredet mit Birthe Sarrazin. Zu meinem Erstaunen starteten die Pressesprecherin des Hauses und ich unsere Erkundung im hintersten Raum der Ausstellung. »Das ist etwas unglücklich, dass wir die Ausstellung nicht chronologisch zeigen können. Aber aufgrund der Größe des Gemäldes von Tatjana Doll mussten wir mit dem erzählerischen Beginn in den hintersten Raum ausweichen«, erläutert Birthe Sarrazin.

In diesem zudem größten Raum der Picasso-Ausstellung wird vermittelt, wie alles begann: »Man sieht hier, wie Picasso mit über 50 Jahren plötzlich in seinen Werken politisch wird. Zunächst humorvoll und satirisch. Später dann mit großer Emotionalität.« Birthe Sarrazin erzählt, dass der beginnende spanische Bürgerkrieg den in Frankreich lebenden Pablo Picasso stark berührt habe. »Vor allem Franco war für Picasso ein geradezu unmöglicher Typ«, erklärt sie mir. Die Pressesprecherin zeigt auf eine Vitrine mit Skizzen in Postkartengröße, die den Titel »Traum und Lüge Francos« tragen. Franco wird hier von Picasso in verschiedensten Posen lächerlich gemacht– mal auf einem Schwein reitend, mal als Frau dargestellt.

»Aber sehen sie hier?«, fragt Frau Sarrazin mich. Sie zeigt auf die letzten vier Bilder der Reihe und erklärt: »Da wird der Ausdruck vollkommen anders, die Satire hört auf.« Was aber war passiert? Picasso hatte während der Produktion von Guernica erfahren. Die nahezu vollständige Zerstörung der baskischen Stadt im April 1937 durch die Legion Condor, bestehend aus deutschen und italienischen Kampflugzeugen, markierte für ihn einen Umbruch. Die Zerstörung einer zivilen Stadt am helllichten Tag durch ein flächendeckendes Bombardement gab dem Krieg eine neue Dimension.

»Für Picasso scheint dies ein Wendepunkt zu sein«, sagt Birthe Sarrazin. Tatsächlich: Schaut man sich an, mit welcher Schaffenswut er sich kurz danach an das Mammutgemälde »Guernica« machte, hat man das Gefühl, der Angriff habe ihn geradewegs ins Herz getroffen. In einer Fotoreihe seiner damaligen Frau Dora Maar kann man sein Tun beobachten. Die Entstehung des Mammut-Ölbildes in den Maßen 3,49 x 7,77 Meter wird von ihr in acht Zuständen wiedergegeben. Das Originalbild sieht man auf Fotos und in seiner Wirkung. Es wurde weltberühmt und oftmals als Basis neuer Kunst herangezogen. In der Ausstellung im Picasso-Museum Münster sieht man Tatjana Dolls großflächige Paraphrase dieses Bildes. Das Original hängt in Madrid und kann aufgrund seiner Größe nicht verliehen werden.

 

Nach Franco kam Hitler

Der zweite Schlag, der Picasso empfindlich traf, war die Besatzung Frankreichs durch die Nazis. Birthe Sarrazin erzählt, dass viele von Picassos Künstlerfreunden das Land schon bald verlassen hätten. »Picasso blieb. Er war schon damals berühmt, galt aber unter Hitler als entarteter Künstler. Er wurde dauerhaft überwacht und schikaniert, kam aber ungeschoren davon.«

Von dieser schlimmen und für Picasso äußerst schwierigen Zeit berichtet der zweite Ausstellungsraum. In ihm dominiert die Skulptur »Mann mit Schaf«. Sie zeigt einen Hirten mit seinem Schaf, das nicht geborgen in den Armen des Mannes liegt, sondern einen erschreckten und verängstigten Eindruck macht. Ein Schaf auf dem Weg zur Schlachtbank? Vielleicht. Picasso wusste zur Zeit der Entstehung im Jahr 1943 um die Deportationen von Juden durch die Deutschen.

Die Skulptur konnte von Picasso zunächst nur als Gipsabdruck umgesetzt werden. Zu einer Zeit, in der Denkmal um Denkmal für Waffen eingeschmolzen wurde, war eine solche Figur in dieser Größe als Bronzestatue nicht umsetzbar. Erst nach dem Krieg konnte er sie produzieren. Er goss sie drei Mal, eine stand zu seinen Lebzeiten in seinem Garten.

Insgesamt ist die Kunst, die sich im zweiten Raum der Ausstellung befindet, voller subtiler Andeutungen und versteckter Kritik an der deutschen Besatzung. Es wird klar, dass Picasso in dieser Zeit nur unter erschwerten Bedingungen leben und arbeiten konnte.


Picasso kein Freund seiner Friedenstaube

Im dritten und für mich letzten Raum meiner Ausstellungsführung geht es schließlich um die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und die Friedensaktivitäten der Kommunistischen Partei. Pablo Picasso wollte den ersten internationalen Friedenskongress unterstützen und wurde um die Bereitstellung eines Plakatmotives gebeten. Die »Genossen« entschieden sich für seine Lithographie einer Taube – worüber Picasso selbst gar nicht glücklich war. Die Pressesprecherin des Museums erklärt dazu: »Er fand die Taube als Friedenssymbol nicht geeignet, da er zwei dieser Tiere hatte, die sich ständig angriffen. Außerdem war ihm das ausgewählte Bild zu naturalistisch.« Dennoch gab er nach, und das Plakat wurde weltberühmt.

Damit war die Friedenstaube als Symbol gesetzt. Picasso lieferte noch verschiedenste Motivvarianten, die man in der Ausstellung ebenfalls sehen kann. Unter anderem ist auch ein Halstuch ausgestellt, das er für die Friedensbewegung in der DDR entwarf.

Äußerst zufrieden verlasse ich das Museum und verabschiede mich von Birthe Sarrazin. Sie und die Ausstellung »Picasso – Von den Schrecken des Krieges zur Friedenstaube« haben mir ganz neue Perspektiven auf den Künstler eröffnet. Auch das Verständnis für Picassos Werke hat sich vertieft. Für mich ein spannender Einblick in die Arbeit eines Künstlers, dessen Werke ich schon sehr oft gesehen habe, von dem ich aber bisher, wie mir jetzt scheint, doch weniger als gedacht wusste.


Featured Images: © Alexa Brandt

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