Der Dreißigjährige Krieg – Worum genau ging es da eigentlich?

 
Wer kennt ihn nicht aus dem Geschichtsunterricht, den Dreißigjährigen Krieg? Man hat sich noch grob gemerkt, dass er um das Jahr 1600 und irgendwas gewesen war und verheerende Auswirkungen hatte. Wer aber kämpfte weshalb gegen wen? Und vor allem: Warum? Ich denke mal, die meisten können sich nicht mehr so genau oder gar nicht erinnern. Einer, der es ganz genau weiß, ist hingegen Professor Dr. Franz-Josef Jakobi. Ich hatte die Gelegenheit, ihn zu treffen und von seinem Wissensschatz zu schöpfen. 

Professor Jakobi ist Historiker und ausgewiesener Pädagoge. Lange Zeit war er Leiter des Stadtarchivs Münster. Zuvor lehrte er Geschichte an der Universität und war in der Lehrerausbildung tätig. Inzwischen geht er auf die 80 zu, bleibt aber weiter im »Unruhestand«. So etwa unterstützt er mit ganzer Tatkraft das Projekt Frieden.Europa für die Stadt Münster, berät bei vielen Themen rund um den Westfälischen Frieden und gibt als gefragter Experte immer wieder Interviews und hält Vorträge. Er kennt sich bestens aus mit dem Dreißigjährigen Krieg – seinen Ursachen, Folgen und seiner Bedeutung für die Gegenwart.

So beginnt mein Interview mit den Fragen: Wer hat im Dreißigjährigen Krieg eigentlich gekämpft? Was war das Besondere dieses Krieges in einer Zeit, in der eigentlich ständig Kampf und Auseinandersetzung herrschte? Ruhig und konzentriert holt Professor Jakobi zu einer Erläuterung aus. Geduldig erklärt er, was er schon viele Male erklärt hat, damit es nicht in Vergessenheit gerät: »Der Dreißigjährige Krieg hat eine besondere Stellung in der europäischen Geschichte. Zwar gab es immer wieder Kriege zwischen einzelnen Nationen oder Regionalmächten, aber nie zuvor einen so umfassenden und weitreichenden. In diesem Krieg haben drei große Ursachenkomplexe zusammengewirkt.«

 

Krieg um die Religionsfreiheit

Er führt er aus: »Es gab erstens – in der Folge der Reformation – einen großen Konfessionskrieg zwischen einerseits den protestantischen und calvinistischen Mächten in Deutschland und Europa, andererseits den katholischen und dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Es war ein historischer Kampf um Religionsfreiheit.« Dieser Kampf vermischte sich mit politischen Interessen, und so wurde er mit besonderer Härte und Entschiedenheit geführt.

 

Krieg um Zentralität versus Dezentralität

Der zweite Ursachenkomplex hatte seine Wurzeln in der Verfassung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Dessen König war ein Wahlkönig. Er hatte rechtlich seinen Anspruch nicht mittels Geburt, sondern wurde von den Kurfürsten erwählt und danach vom Papst zum Kaiser gekrönt. »Damit gab es eine sehr starke Stellung der Reichstände und damit verbunden einen an verschiedenen Stellen immer wieder aufbrechenden Machtkampf zwischen den Partikularmächten und dem Kaiser«, fasst Professor Jakobi die politisch komplexe Situation zusammen. Diese Machtkämpfe wurden im Dreißigjährigen Krieg nicht mehr nur politisch, sondern mit Waffengewalt ausgetragen.

 

Krieg um die Vormachtstellung in Europa

Der dritte Konflikt war der um die Vormachtstellung in Europa. Frankreich habe sich von den Habsburgern, die im Reich und in Spanien herrschten, »umzingelt« gefühlt und sei um eine Machtverschiebung bemüht gewesen. Schweden und Dänemark wollten ihre Machtstellung ausbauen. »Darüberhinaus«, so Professor Jakobi, »gab es parallel zum Dreißigjährigen Krieg den 80 Jahre währenden Krieg zwischen Spanien und den calvinistischen Nordprovinzen ihrer niederländischen Territorien. Es war eine Art andauernder Bürgerkrieg oder – wie wir heute sagen würden – ‚Guerilla-Krieg‘, bei dem die Niederlande gegen ihren katholischen Herrscher aufbegehrten.« Auch dieser Krieg musste, damit es zu einem Frieden für ganz Europa kommen konnte, beendet werden.

 

Alles begann mit dem »Winterkönig«

Während Professor Jakobi spannend und verständlich erzählt, frage ich mich insgeheim ein wenig frustriert, warum mein Geschichtslehrer das seinerzeit nicht genauso hinbekommen hat. Denn: Wird Geschichte richtig erklärt und spannend erzählt, wird sie lebendig. So möchte ich gerne noch mehr erfahren und frage danach, wie eigentlich dieser ganze Krieg begonnen hatte? Professor Jakobiholt noch einmal aus und erzählt weiter: »Meist wird der berühmte Prager Fenstersturz als Anlass des Dreißigjährigen Krieges angesehen. Er hat folgenden Hintergrund: Das zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörende Königreich Böhmen lehnte sich gegen seinen habsburgischen König, der zugleich Kaiser war, auf. Die protestantischen böhmischen ‚Reichsstände‘ opponierten gegen die ‚Rekatholisierungspolitik‘ des Königs; fürchteten um ihre ständischen und religiösen Freiheiten. Das ging so weit, dass sie bei einem Treffen in Prag die kaiserlichen Statthalter aus dem Fenster warfen. Dies war übrigens eine nicht ungewöhnliche Form politischen Widerstands«. Die böhmischen ‚Stände‘ haben anschließend einen neuen König gewählt: den protestantischen Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz. Die Wahl anzunehmen, sei allerdings eine sehr verwegene und im Nachgang katastrophal zu nennende Entscheidung von ihm gewesen. Es war die Initialzündung zu einem Flächenbrand. Friedrich wurde als »Winterkönig« verspottet, weil er nur einen Winter lang an der Macht blieb.

 

Ein Krieg, der sich kreuz und quer durch Europa zieht

Ich frage Professor Jakobi, wie man sich denn heute einen Dreißigjährigen Krieg vorstellen solle, ob tatsächlich das gesamte Europa im Kampf gelegen habe. Er korrigiert mich: »Der Dreißigjährigen Krieg war kein großflächiger Krieg wie im 20. Jahrhundert. Es gab für heutige Verhältnisse nur kleine Armeen, die in verschiedenen Regionen und nie gleichzeitig in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren.« Der Krieg habe sich kreuz und quer über den Kontinent bewegt. »Immer wieder gab es besondere Brennpunkte, wie beispielsweise die Zerstörung der protestantischen Stadt Magdeburg bei der Eroberung durch den kaiserlichen General Tilly«, erzählt der Geschichtsexperte. »Neu zu dieser Zeit war allerdings auch, dass Berichte über den Krieg schnell Verbreitung fanden. Die Erfindung des Buchdrucks erlaubte es, Flugschriften zu produzieren und zu verbreiten«, erklärt er mir weiter. Es gab damit erstmalig eine wirkungsvolle Kriegspropaganda. Trotz der Regionalität des Krieges waren die Folgen extrem. »Fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung der betroffenen Gebiete kam ums Leben«, beschreibt Professor Jakobi das Geschehen. Dies lag daran, dass marodierende Truppen und Söldner das Land verwüsteten, Missernten und Krankheiten dem Krieg folgten und Opfer forderten. Parallel dazu gab es laut Professor Jakobi noch eine weitere Ursache für das Massensterben: »Zeitgleich herrschte in Europa eine sogenannte kleine Eiszeit, die für ein schlechtes Klima und schlechte landwirtschaftliche Erträge sorgte. Zusammen mit dem Krieg zehrte dieser Effekt das Land komplett aus.« Er schließt mit dem Hinweis: »Die Situation war komplett verfahren, und eine Lösung der Probleme schien unmöglich. Jeder bilaterale Versuch, Teile des Krieges zu beenden, war gescheitert. Wie also sollte man nun aus dieser Situation herauskommen? Auch hier brauchte man etwas Neues und Einmaliges. Und man schaffte es schließlich, mit den Verträgen zum Westfälischen Frieden«.

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