Der silberne Löffel: eine Geschichte von Flucht und Versöhnung. Vorabinterview mit einer Teilnehmerin von »Labor Europa«

Von |2018-08-31T08:22:56+00:0014.08.2018|Kategorien: Allgemein|Tags: , , , |0 Kommentare

Liza stammt aus der Region Abkhazia (deutsch: Abchasien) und lebt inzwischen in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Sie ist 25 Jahre alt und eine von insgesamt 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Labor Europa, einem Projekt der Stadt Osnabrück für junge Menschen, die mit anderen Europäern eine Woche lang zusammenkommen, um kreativ zum Thema »Frieden« zu arbeiten. Am Abend unseres Telefonats ist die Sozialanthropologin gerade erst zurückgekehrt von einer einwöchigen UN-Konferenz in Rumänien.

Als ich ihre Stimme zum ersten Mal höre, fühle ich mich in meinem Eindruck, den ich in unserem bis dahin schriftlichen Austausch hatte, bestätigt. Liza scheint mir als sehr offenherzige Person. Ihre Stimme ist fest, aber warm. Sie steckt voller positiver Energie und erfüllt von dem Wunsch, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, um sich über politische und gesellschaftliche Umstände und Veränderungen auszutauschen. Das kommt auch in ihrem Motivationsschreiben fürs »Labor Europa« zum Ausdruck. Mich hat daran vor allem die Einfachheit angesprochen, mit der sie ihren Wunsch teilzunehmen formulierte. Darin beschreibt Liza, dass sie nur eine Sache nach Osnabrück mitbringen möchte: einen silbernen Löffel. Die genaue Geschichte dazu erzählt sie mir im späteren Verlauf unseres Gesprächs. So viel sei vorab dazu gesagt: Liza gehört zu den insgesamt rund 200.000 Georgiern, die seit Ende der 1980er-Jahre durch Vertreibung und Flucht die im westlichen Kaukasus befindliche und krisengeschüttelte Region Abchasien verlassen mussten, um das eigene Leben zu retten und nach Jahren der Flucht ganz von vorne anzufangen – mit der Perspektive, nie wieder dort anknüpfen zu können, wo sie einmal standen.

Nur wer sich auf die Suche macht, kann Neues erfahren

Liza (25), Teilnehmerin »Labor Europa«

Wie aber ist sie überhaupt auf das »Labor Europa« aufmerksam geworden, möchte ich zu Beginn unseres Gesprächs von Liza wissen. »Ich glaube, das war Schicksal. Ich war gerade wie jeden Tag dabei, das Internet nach meinem Forschungsthema ,Konflikte‘ zu durchsuchen, als ich plötzlich auf den Titel ,Krieg und Frieden in Europa‘ stieß. Das hat mich neugierig gemacht. Und als ich dann das Programm las, war ich wirklich inspiriert und wusste: Da will ich mitmachen. Und so schrieb ich meine Bewerbung«, erzählt sie mir.

Da sie das Thema Flucht selbst erfahren musste, hat Liza eine sehr klare Vorstellung davon, was „Krieg und Frieden in Europa“ bedeuten kann: »Wir hatten ein schönes Zuhause, waren glücklich, hatten viele Freunde. Niemand hatte erwartet, dass so etwas passieren würde. Dann ging alles sehr schnell. Wir mussten, um unser Leben zu retten, alles hinter uns lassen.« Zu diesem Zeitpunkt war Liza gerade erst drei Jahre alt. An die genauen Ereignisse erinnere sie sich nahezu nicht mehr. Sie glaubt, es hänge wohl von der jeweiligen Person ab, wie man mit einem solchen Trauma umgehe oder umgehen könne. »Das einzige, an das ich mich wirklich erinnere, ist, dass wir ständig unterwegs waren, von einem Ort zum nächsten zogen. Ich denke aber, es ist ohnehin besser, mich nicht zu erinnern. Ich bin ein Mensch, der sich lieber auf die positiven Dinge konzentriert«, fasst sie diesen Teil ihrer jungen Kindheit zusammen.

Tatsächlich würde Liza heute gerne in ihre Heimat zurückkehren – am liebsten, um mit den jungen Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Da sie die georgische Staatsangehörigkeit besitzt, darf sie aber nicht ohne Weiteres nach Abchasien einreisen. Das Gleiche gilt für ihre Eltern. »Um dorthin zurückkehren zu können, müsste ich einen russischen Pass haben. Einmal habe ich es versucht. Aber sobald sie verstanden, wer mein Vater ist – ein ehemaliger diplomatischer Kurier –, wurde mir die Einreise verwehrt, mit dem Hinweis, das sei zu gefährlich für mich. Mein Vater war in einer friedvollen Gruppe organisiert, die den Krieg verhindern wollte«, erklärt mir Liza.

Ins Gespräch miteinander kommen und innere Barrieren abbauen

Da ich den Konflikt in der Region nur ansatzweise kenne, verdeutlicht mir Liza, dass das russische Militär vor Ort immer noch das Leben der Menschen kontrolliere. Die kriegerischen Auseinandersetzungen sowie die anschließende Manipulation und Propaganda durch das Besatzungsmilitär haben aus Lizas Sicht die Fronten zwischen den Abchasiern und Georgiern noch einmal verschärft. »Eigentlich sind wir bereit, wieder miteinander zu reden. Viele Menschen meines Alters würden gerne mit den jungen Menschen in Abchasien in den Austausch kommen. Diese aber leben wie Gefangene im eigenen Land und bekommen wenig bis gar keine Gelegenheit dazu.« Liza hofft, dass die Menschen sich wieder mehr öffnen und miteinander ins Gespräch kommen, um die Situation zu entschärfen. Eine gute Basis dafür entstehe gerade in der georgischen Hauptstadt Tiflis an der staatlichen Sokhumi Universität. Dort seien viele ehemalige Flüchtlinge aus Abchasien organisiert, die Programme ins Leben rufen, um junge Menschen aus Georgien und ihrer ehemaligen Heimat zusammenzubringen. »Ich habe schon ein paar Leute getroffen, die an solchen Programmen teilgenommen haben. Und ich war wirklich schockiert darüber, als einige mich ansprachen und sagten: ,Ich bin wirklich überrascht, wie nett Georgier meines Alters doch sind. In Abchasien denken wir immer, das sei anders.’ Das ist wohl teilweise das Ergebnis von falschen Informationen und Nachrichten in einem kontrollierten Land, in dem die Menschen wenige Möglichkeiten haben, sich eine eigene Meinung zu bilden«, resümiert Liza die derzeitige Situation in ihrer Ursprungsheimat. Deshalb hofft sie inständig, dass die Menschen weiter daran arbeiten, nicht nur die physischen Grenzen wieder zu öffnen, sondern auch ihren Geist frei zu machen für den Dialog. Beide Seiten. Dazu gehöre aber zuallererst, die Kultur des anderen zu respektieren, meint sie.

Das Gespräch zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen hält Liza ohnehin für ausgesprochen wichtig – nicht nur in ihrer Heimat. Aus ihrer Sicht sind die Menschen heute häufig zu träge, sich politisch zu engagieren oder über Konflikte zu reden. »Viele möchten sich nicht austauschen über schwierige Dinge. Sie reden lieber über Klamotten, Autos, ihr Handy oder so. Das ist aber egoistisch. Wer in einem Land lebt und möchte, dass Frieden gewahrt bleibt und sich ein Land zum Wohlstand hin orientiert oder diesen Status ausbaut, muss sich für mehr interessieren und die Fakten klar haben.« Auf meine Frage, ob das Internet und sozialer Wohlstand also nicht zwingend ein Garant für eine aufgeklärte Gesellschaft sei, antwortet mir Liza: »Die Leute werden bequem. Zu bequem etwas Neues zu erfahren. Zu bequem, miteinander ins Gespräch zu kommen – selbst Menschen meiner Generation, sogar meine eigenen Freunde. Immer, wenn ich über meine Vergangenheit als Flüchtling reden möchte, macht es mich ein wenig ärgerlich, dass sie kein Interesse daran zeigen. Sie wollen, dass ich einfach in meinem Leben weitergehe. Was ich ja tue. Aber ich denke, es ist auch wichtig, die historischen Fakten parat zu haben, um das Leben in die richtigen Bahnen zu lenken.«

Ein anderer Faktor, der aus Lizas Sicht den Dialog gerne mal verhindert, ist das Ausleben äußerst religiöser Vorstellungen – wenn Menschen eine Rolle aufgestülpt wird, die sie nicht verlassen dürfen. Im Zuge zunehmender Globalisierung ist es doch schwierig, so etwas aufrecht zu halten. Auch in diesem Punkt kann ich Liza nur zustimmen.

»The Spoon« – eine Geschichte von Leid und Versöhnung

Wie eingangs erwähnt, dreht sich Lizas Teilnahme beim »Labor Europa« um die Geschichte eines kleinen silbernen Löffels als wichtiger Teil ihrer eigenen Biografie. Dieser Löffel gehörte zu einem silbernen Besteckset, das ihrer Familie die Flucht ermöglichte und damit ihr Leben rette. Er ist aber auch Teil eines Prozesses um Aussöhnung und Vergebung nach der persönlichen Tragödie. Liza erzählt: »Das Besteckset war der Preis für die Überquerung der Brücke von Gali (einer Stadt in Abchasien, in der aktive militärische Operationen durchgeführt wurden) in eine abgelegenere und sicherere Stadt. Nach vielen Jahren der Reise in verschiedenste Länder und der Rückkehr nach Georgien rief der Mann, der das Set gefordert hatte, bei uns an und bat darum, in unser neues Zuhause kommen zu dürfen. Meine Mutter stimmte zu. Der Mann hatte das Silberbesteck über all die Jahre behalten. Er gab gegenüber meiner Mutter zu, sich dafür zu schämen, es überhaupt genommen zu haben. Und er war gekommen, um uns das ganze Set zurückzugeben. Meine Mutter weigerte sich jedoch, es zu nehmen. Sie bat ihn lediglich um die Rückgabe eines kleinen Dessertlöffels – als Symbol für diese Zeit und das Haus, das sie verloren hatte.«

»The Spoon« (Foto: Liza)

Der Mann, der ihr daraufhin den Löffel wiedergab, hatte zwischenzeitlich selbst die Region verlassen. Liza erzählt weiter: »Er kannte unsere Familie sehr gut, war unser Nachbar gewesen. Und er fühlte sich wirklich erbärmlich, dass er etwas von uns erbeten hatte, statt uns aus reiner Menschlichkeit zur Flucht zu verhelfen und damit unser Leben zu retten.« An diesen Moment, als besagter Nachbar bei der Mutter um Verzeihung bittet, erinnert sich Liza noch ganz genau: »Meine Mutter hat nur gelächelt und gesagt: ,Da gibt es nichts, was ich vergeben müsste. Letztlich hast Du unser Leben gerettet’.« Eine große Geste, wie ich finde. Und vielleicht die einzige, die dafür sorgt, dass Menschen von da aus weitergehen können. Beide. Denn ohne Vergebung bleibt die Last und es wird schwer, die Zukunft zu formen. »Damit wurde sie für mich zum Vorbild für Weisheit, denn genau das ist sie: weise«, fasst Liza diesen Moment der Versöhnung zusammen.

Die Bedeutung von Symbolen für den Frieden

Der Löffel ist für Liza zu einem persönlichen Symbol für Versöhnung und damit Frieden geworden: »Der Löffel ist wie ein Spiegelbild dessen, was für unsere Familie wirklich wichtig geworden ist. Und wir sprechen hier nicht über den tatsächlichen Wert des Silberbestecks. Diese großzügige Geste meiner Mutter, als sie Worte der Vergebung sagte und dem Mann dankte, dass er sich die Zeit genommen hatte, uns zu finden. Meine Mutter wusste, dass sie damit das einzig Richtige getan hatte, als sie sah, dass der Mann von ihrer Reaktion sehr berührt war und sich ein Lächeln der Erleichterung auf seinem Gesicht zeigte.“ Das Symbol zur Schaffung und Wahrung eines friedvollen Miteinanders müsse keineswegs immer etwas Großes sein, betont Liza noch. Sonst bestehe auch die Gefahr, dass es zu einer Last werde, konkretisiert sie ihren Gedanken.

Lizas Mutter gefällt die Idee, dass ihre Tochter die Geschichte der Familie und des Löffels zu anderen jungen Menschen nach Osnabrück trägt. »Sie findet, dass dies eine großartige Möglichkeit ist, die Reaktionen der anderen auf die Geschichte des Löffels zu erfahren. Und das kann alles sein. Jede Art von Reaktion ist möglich. Sie kann positiv sein. Sie kann auch neutral ausfallen – wie auch immer sie sein möge, in jedem Fall kommen die Menschen darüber ins Gespräch, reden darüber. Ich glaube, genau das ist einer der Hauptgründe, warum Symbole wichtig sind«, verdeutlicht Liza.

Symbole fungieren damit als Träger von Geschichten, wirken als Medium für eine Reaktion. Das dürfte in vielen Fällen dazu führen, dass sich Menschen austauschen über Dinge, die sie bewegen, durch die sie ins Gespräch kommen und die ihnen am Ende vielleicht dabei helfen, den kleinsten gemeinsamen Nenner für ein gutes Leben zu finden, einen, der durch Geben und Nehmen geprägt ist. Die beste Basis für friedvolles Miteinander, denke ich. Wer einen Konflikt wirklich beenden möchte, muss erst einmal vergeben können. Ansonsten brodelt es unterschwellig weiter – bis sich schlimmstenfalls der Konflikt erneut entfacht. Bis dahin ist er nur wie eine leicht verheilte Wunde, die aber noch keine Narbe trägt und leicht wieder aufreißen kann.

Gegenseitige Verständigung und Verständnis sichern den Frieden

Wie lässt sich Frieden also sicherstellen, möchte ich von Liza wissen. Das sei ein schwieriges Unterfangen, solange gerade junge Menschen es vermeiden, sich wenigstens einmal die Position des Gegenübers anzuhören, findet sie, und führt diesen Gedanken weiter aus: »Ich finde, dass viele Menschen in meiner Region sehr egoistisch sind. Sie wollen nichts ändern, wollen nicht reden. Sie scheinen in einer Art Kiste zu leben. Sie haben oft keine logischen Fragen oder Antworten, lassen nicht zu, dass ihnen jemand zeigt, dass sie sich in ihren Ansichten vielleicht irren. Selbst wenn ihnen jemand die Tür öffnet, um mehr herauszufinden, wollen sie nicht durch diese Tür gehen.« Die Vermeidung von Auseinandersetzung durch Dialog verhindere die dauerhafte Sicherung von Frieden, so Lizas Schlussfolgerung. Denn das Schweigen vererbe den ungelösten Konflikt. » Auch wenn man aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommt, ist es wichtig, Gemeinsamkeiten zu finden. Wenn man die nicht sucht, wird es schwer, den Frieden aufrechtzuerhalten«, bringt Liza ihren Gedanken auf den Punkt.

Der Gott der kleinen Dinge

Schließlich konfrontiere ich Liza mit einem Satz, den ich selbst als junger Mensch häufig gehört habe – und den ich nicht sonderlich mag. Er lautet: »Du kannst die Welt nicht verändern.« Aber ist das so, frage ich Liza. Zählt nicht vielleicht jede kleine Sache, um das große Ganze erreichen zu können? Welche Bedeutung kommt einem winzigen Symbol wie dem des Löffels hier zu? Liza antwortet darauf: »Der Löffel hat eine Art psychologische Wirkung. Er wirkt wie eine Kraft, die dabei hilft, in Konfliktsituationen bei sich zu bleiben. Ich hoffe, dass Symbole wie der Löffel den Menschen helfen, sich auf das Positive und ihre Werte zu konzentrieren und daran zu glauben. Und dass sie von da an weitergehen können. Egal wie weit der Weg auch sein mag. Die kleinen Dinge und Gesten, sie zählen durchaus.“

Am Ende unseres Gesprächs möchte ich noch wissen, welche Hoffnungen Liza an ihre Woche in Osnabrück knüpft. Ihre Antwort: »Mein Ziel? Ich möchte mit Menschen meines Alters und mit unterschiedlichem Background ins Gespräch kommen. Von ihnen erfahren, von woher sie kommen, wie sie ihr eigenes bisheriges Leben erinnern und reflektieren. Und wer weiß, vielleicht kommen einige von ihnen genau wie ich auch aus einem von Krieg betroffenen Land oder einer krisengeschüttelten Region – vielleicht sogar aus dem Kaukasus. Ich möchte gerne von ihren Erfahrungen hören. Vielleicht können sie einen Vorschlag zum Thema machen. Vielleicht möchten sie in Aktion treten und gemeinsam etwas erarbeiten. In jedem Fall hoffe ich, dass sie meine Geschichte interessiert und es zu schätzen wissen, dass ich diese mit ihnen teile.«

Müde, aber auch irgendartig beseelt, beende ich unser dreistündiges Telefonat. Obwohl es schon nach Mitternacht ist, lege ich mit dem Schreiben los. In der Hoffnung, dass Menschen Lizas Gedanken zu der Bedeutung vom konsequenten Austausch – auch mit vermeintlichen »Gegnern« der eigenen Vorstellungen – lesen. Damit schafft sie aus meiner Sicht die Basis für das von ihr selbst ausgerufene Ziel zu ihrer Teilnahme beim »Labor Europa«: neue Konzepte und Ideen zur Sicherung des Friedens zu finden. Denn nur, wer sich in die Lage versetzt, die Perspektive des anderen erst einmal anzunehmen und eventuell auch mal die eigene vorgefertigte Ansicht zu verlassen oder gar zurückzunehmen, kann etwas erfahren, das in letzter Konsequenz das friedvolle Miteinander unter uns Menschen wahrscheinlicher macht. Es geht um die Fähigkeit von Empathie und Toleranz. Darum, offen zu sein für das Gegenüber. In diesem Sinne: Let’s peace things up!

Titelbild: Der silberne Löffel, © Liza

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