Eine Welt ohne Atomwaffen: undenkbar oder möglich?

Beim Thema »Frieden« rücken hierzulande die Städte Münster und Osnabrück gerne in den Fokus. Was dort 1648 nach langjährigen Verhandlungen geschlossen und in die Geschichte als Westfälischer Friede einging, konnte nur geschehen, weil Menschen aus ganz Europa zusammentrafen und miteinander ins Gespräch kamen, um am Ende einen Konsens herbeizuführen. In Zeiten atomarer Bewaffnung hat ein solcher Dialog zum Thema »Frieden« immer eine globale Dimension. Das wurde bei der Podiumsdiskussion am Tag 1 der Bundeskonferenz der Mayors for Peace einmal mehr deutlich.

Diese fand vergangene Woche erstmalig in Münster statt. Dabei handelt es sich um ein weltweites Städtenetzwerk, innerhalb dessen sich die Bürgermeister der angeschlossenen Orte für ein friedvolles Miteinander einsetzen. In besonderer Weise engagieren sich die Mitglieder unter der Federführung von Hiroshima für eine Welt ohne Atomwaffen. Die erwähnte Auftaktveranstaltung in Form einer Podiumsdiskussion fand unter dem Titel »Zwischen Vision und Wirklichkeit: Neue Wege zu einer atomwaffenfreien Welt« statt. Mit dabei: der Referent Sascha Hach, Mitbegründer und Vorstandsmitglied der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (ICAN), sowie Prof. Dr. Christian Hacke, emeritierter Professor für politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Bonn.

Kann es eine Welt ohne Atomwaffen geben?

Im Vorfeld der Podiumsdiskussion sprach Sascha Hach zu »ICAN und die Chance für eine neue Atomwaffenpolitik«. Prof. Dr. Hacke nahm den Gegenpart ein und referierte zum Thema »Warum Global Zero scheitert«.

Beide Vorträge waren inspirierend und kontrovers, so wie es sein sollte. Sascha Hach erklärte die Herausforderungen, die zu meistern sind, um einen Atomwaffenverbotsvertrag zu erreichen. Obwohl für Bio- und Chemiewaffen sowie für Landminen und Streumunition bereits seit Längerem solche Verbote existieren, waren Atomwaffen bis 2017 noch nicht verboten. ICAN hat sich für die Verhandlungen über ein Atomwaffenverbot mit Erfolg stark gemacht. Hach bringt es auf den Punkt: »Man kann etwas ändern, wenn man sich beteiligt. Es gibt wohl keinen dringenderen Zeitpunkt als jetzt, um sich einzubringen.«

Dass das keine hohle Floskel ist, zeigt sich an der Doomsday Clock. Sie ist eine symbolische Atomkriegsuhr und wird auch als »die Uhr des Jüngsten Gerichts« bezeichnet. Ihre Aufgabe: die Öffentlichkeit auf die nahe Gefahr eines Atomkriegs aufmerksam zu machen. Aktuell ist es zwei Minuten vor zwölf. Zum Vergleich: Im Jahr 2012 waren es noch fünf Minuten vor zwölf.

Warum wir stattdessen davon ausgehen müssen, dass wir niemals in einer Welt ohne Nuklearwaffen leben werden, führte Prof. Dr. Hacke aus und stellte dafür neun Thesen auf. So sieht er den Einsatz solcher Mittel auch als eine Möglichkeit der Stabilisierung und nennt dafür die verfeindeten Mächte Indien und Pakistan als Beispiel. Ihre Kämpfe haben sie ruhen lassen, seit sie im gegenseitigen Besitz von Atomwaffen seien, erklärt er. Weiter stellt er die These auf, dass Nuklearwaffen die Option für einen Dialog bieten, so wie es aktuell bei dem US-Präsidenten Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un der Fall sei. Hier sprechen ein kleines Land und eine Weltmacht miteinander, das wäre bis vor wenigen Wochen undenkbar gewesen. Aber auch Prof. Dr. Hacke sieht den Einsatz von nuklearen Kampfmitteln sehr kritisch.

Im Anschluss an die Veranstaltung hatte ich Gelegenheit mit Sascha Hach über die Arbeit von ICAN ins Gespräch zu kommen. Im Interview teilt er seine Einschätzung zu der aktuellen politischen Lage.

Tag 2 der Bundeskonferenz  

Am Freitag schloss sich dann die nicht öffentliche Sitzung der deutschen Mayors for Peace an, an der etwa 38 Vertreterinnen und Vertreter aus dem gesamten Bundegebiet teilnahmen. Im Rahmen der Begrüßung durch Oberbürgermeister Markus Lewe im Friedenssaal übergab Bürgermeister Thomas Hermann aus Hannover eine von insgesamt 30 »Friedenstauben« des Künstlers Richard Hillinger an die Stadt Münster. Die Taube wird in den nächsten Wochen in der Bürgerhalle in Münster zu sehen sein, bevor sie ihre Reise um die Welt weiter fortsetzt.

Prof. Quante von der Westfälischen Wilhelms-Universität referierte über die Vieldeutigkeit des Friedensbegriffes. Anschließend informierte und diskutierte Christoph Hallier vom Auswärtigen Amt über Renuklearisierungsfragen der europäischen Sicherheitspolitik. Eine Unterschriftenliste der Mayors for Peace mit der Aufforderung an alle Staaten, dem 2017 von der UN-Generalversammlung angenommenen Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten, lag zur Unterzeichnung am Ende der Konferenz für die Teilnehmenden aus und wurde im Anschluss an das Auswärtige Amt übergeben.

Zur Konferenz zählte unter anderem ein Bericht des Mayors for Peace-Büros aus Hannover über aktuelle Themen und Projekte sowie eine Führung durch das LWL-Museum für Kunst und Kultur »Wege zum Frieden«. Die Konferenz bot reichlich Gelegenheit für Austausch und Diskussion, an der sich auch die Friedensinitiativen aus dem Münsterland und Enschede mit dem Ziel beteiligten, Gemeinden und Städte zum Beitritt der »Bürgermeister für den Frieden« zu bewegen und diese bei einem aktiven Kampf für eine Welt ohne Atomwaffen zu unterstützen. Eine besondere Ehre war die Teilnahme von Sascha Hach, der auch am Freitag ganztägig zugegen war.


Titelbild: Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Christian Hacke, Sascha Hach und Julia Weigelt. Bildrechte: Daniela Sprung

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