Freiluft-Friedensorte in der Innenstadt von Münster

An vielen Plätzen der Innenstadt treffe ich Menschen, die hier jeweils ihren Friedensort gefunden haben, an dem sie entspannen, Energie tanken, lesen oder sich mit Freunden treffen. Ich habe einige von ihnen gebeten, mir ihre Gedanken zu ihren persönlichen Friedensplätzen mitzuteilen. 

Im Barockgarten

Im Barockgarten

Clemenskirche

Im Barockgarten an der Clemenskirche treffe ich Şahin (52). Er ist Angestellter in einem nahegelegenen Kaufhaus und kommt gerne in seiner Mittagspause hierher. Er genießt die Ruhe und isst sein Pausenbrot. Dabei freut er sich über die vielen Vögel, die sich am kühlen Wasser erfrischen. Er sagt: »Dieser schöne Anblick ist für mich der Inbegriff des Friedens! Nach einer halben Stunde der Ruhe bin ich wieder fit und kann zurück ins Gewühl.«

Rathausinnenhof

Chillida-Bänke

Am Platz des Westfälischen Friedens lerne ich zwei Studentinnen von der Kunstakademie kennen. Hanna und Ina sind beide 26 Jahre alt und sitzen gerne auf den Chillida-Bänken – zur Erholung vom Shopping-Trubel. Als Neu-Münsteranerinnen haben sie eine Stadtführung mitgemacht und dabei diesen Ort kennengelernt. Sie finden die Geschichte des Westfälischen Friedens sehr interessant und halten »Toleranz durch Dialog« für eine tolle Kunstidee. Sie erzählen mir eine lustige Anekdote: »Einmal haben uns ausländische Kommilitoninnen gefragt, wo denn diese ,Cheerleader‘-Bänke seien, und dank der Stadtführung konnten wir aufklären, dass der spanische Künstler Chillida heißt und dass der Rathausinnenhof auch Platz des Westfälischen Friedens genannt wird!«

Lambertibrunnen

Lambertikirchturm

Frieden.Europa-Sitzgelegenheiten am Lambertikirchplatz

Als Nächstes gehe ich zum Lamberti-Kirchplatz und treffe meine Nachbarin Ortrud. Sie ist 78 Jahre alt und Rentnerin. Gerade ist ihre Enkelin Nina (22) aus Berlin zu Besuch. Die beiden erzählen mir, dass sie hier gerne zusammen einen Eiskaffee trinken und das Ambiente am Brunnen genießen. Ihr Blick geht hinauf zum Turm der St. Lamberti-Kirche, und Ortrud sagt: »Das grausame Kapitel der Stadtgeschichte mit den Wiedertäufern ist ja bis heute nicht vergessen dank der Käfige da oben – da wird man sich doch jedes Mal bewusst, wie gut wir es heutzutage haben hier in Münster. Wir leben in Frieden und können Gott sei Dank viele, viele Geschichten vom Frieden erzählen, denn aus jeder schrecklichen Zeit sind doch gute, friedliche Zeiten hervorgegangen.«

Auf dem Lambertikirchplatz laden in diesem Sommer bis zum 2. September 2018 ganz besondere Friedensplätze – Liegestühle und robuste Papphocker – zum Entspannen und Verweilen ein. Ein Angebot, um in der Stadt ohne Pflichten (Konsumzwang) ausruhen, miteinander diskutieren, Frieden finden zu können.

Domherrenfriedhof

Domherrenfriedhof

Vanitas-Statue auf dem Domherrenfriedhof

Später möchte ich noch die Vesper (liturgisches Abendgebet) im St. Paulusdom erleben – um 17.15 Uhr im Westchor – und dann einen der faszinierendsten Orte Münsters besuchen: den Domherrenfriedhof. Außer mir ist noch ein Mann dort, den ich anspreche und frage, ob er mir seinen Eindruck zu diesem Ort erzählen mag. Jan-Malte (28) ist Theologiestudent und interessiert sich als angehender Priester schon von Berufs wegen für alles, was mit religiöser Architektur und kirchlichen Inhalten zu tun hat. Hier auf dem Domherrenfriedhof ist er aber auch als Privatmensch gerne. Er sagt: »Ich finde es total super, dass es diesen Ort gibt, mitten in der Innenstadt, aber so ruhig und friedlich, als wäre man meilenweit vom hektischen Alltag entfernt. Nach der Messe oder zwischen den Vorlesungen komme ich hierher und tanke Kraft.«

100 Arme der Guan-yin, Skulptur Projekte 1997

Am Marienplatz

Der Vierungsturm der St. Ludgeri-Kirche am Marienplatz

Auf meinem Nachhauseweg halte ich kurz an der Ludgeri-Kirche, wo es ein Ensemble von Sitzgelegenheiten am Marienplatz gibt. Dort sitzt eine Bekannte von mir, die mir ihre Freundin vorstellt – Linda, 44, ist Yogalehrerin, und auch sie frage ich bei dieser Gelegenheit nach ihrem persönlichen Friedensplatz in Münster. Linda wägt ihre Worte sorgfältig ab und sagt, sie sitze gerne an Plätzen wie diesem, wo die Wege vieler Menschen sich kreuzen. Sie möge die Skulptur mit den 1.000 Armen, die Marienstatue inmitten des vielen Grüns und erklärt mir weiter: »Ich beobachte gerne und lasse die Fantasie blühen: Woher kommen die Passanten, wohin gehen sie, und wie geht es ihnen gerade. Wenn jemand ganz gehetzt aussieht oder traurig, dann stelle ich mir vor, dass ich ihm oder ihr positive Wünsche zukommen lassen kann nur mit der Kraft der Gedanken und lächele sie an. Wenn sie es sehen, lächeln sie manchmal zurück. Für mich ist das ein Gefühl von tiefem inneren Frieden, jemand anderem etwas Gutes zu wünschen.«

Mit diesen schönen Begegnungen und persönlichen Antworten freue ich mich schon auf meinen eigenen Friedensplatz: Die Türmerstube hoch oben im Turm von St. Lamberti. Von dort schaue ich hinunter, und alles, was dort unten groß und wichtig erscheint, wird mit dieser besonderen Perspektive nichtig und klein. Ich atme tief ein – und erlebe das friedlichste Gefühl des Tages.


Beitragsbild Türmerin Martje Saljé: © Münster Marketing/Claudia Große-Perdekamp

Artikelbilder: @ Martje Saljé

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