Freundschaft statt Vorurteile – Die Idee von »Labor Europa«

Von |2018-06-29T14:05:30+00:0028.06.2018|Kategorien: Allgemein|Tags: , , , , , , |1 Kommentar

Ein Gespräch mit Christine Grewe, Leiterin des Friedensbüros Osnabrück, zu Vermittlung durch Begegnung.

Im Jahr 2015 erhielten die Rathäuser von Münster und Osnabrück das Europäische Kulturerbe-Siegel. Schon damals wuchs die Idee, sich an dem 2018 anstehenden Europäischen Jahr des kulturellen Erbes mit dem Thema Frieden.Europa zu beteiligen.

Das Kulturerbejahr hat es sich zum Ziel gesetzt, »die Erben des Erbes zu erreichen« und damit junge Menschen. Für Osnabrück hat das Büro für Friedenskultur diese Aufgabe übernommen und schon früh damit begonnen, sich ein Konzept zu überlegen. Jetzt läuft die Vorbereitung des geplanten Projektes auf Hochtouren.

Christine Grewe, Leiterin »Friedensbüro« Osnabrück. Bildnachweis: Angela von Brill.

Ich bin nach Osnabrück gefahren und treffe mich zu einem Gespräch mit Christine Grewe, der Leiterin des Osnabrücker »Friedensbüros«. Sie erklärt mir ihr Projekt »Labor Europa«. »Wir möchten Jugendliche aus allen europäischen Ländern zusammenbringen. Europa ist bunt und vielfältig, und die Befindlichkeiten der Bürgerinnen und Bürger sind je nach Land sehr unterschiedlich. So sehen die einen Europa als Schutzraum für Freiheit und Demokratie, andere fühlen sich bedroht von der Macht der wirtschaftsstarken Länder und kämpfen um eine eigene Identität. Europäer innerhalb der EU haben ein anderes Europabild als Europäer, die noch nicht Teil der EU sind. Diese Perspektiven in einen Austausch zu bringen, ist das Ziel unseres Projektes.«

Aber wie kann man diesen Austausch zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am besten sicherstellen? Christine Grewe und ihr Team sind überzeugt, dass eine gemeinsame Projektarbeit den besten Weg für eine intensive Begegnung darstellt. Labor Europa umfasst daher verschiedene Teilprojekte, in deren Rahmen an dem Thema Frieden.Europa gearbeitet werden kann. Insgesamt gibt es fünf Genres: »Performance/Theater«, »Bildende Kunst«, »Geschichte«, »Medien/Games« und »Musik«. Diese haben sich verschiedene Themen gesetzt, die sie erarbeiten möchten. So wird der Bereich »Musik« einen Liederzyklus aufführen, der im KZ Theresienstadt entstanden ist. Der Bereich Bildende Kunst hat das Motto »Safety first« (»Sicherheit zuerst«), bei »Performance/Theater« geht es um das Zuhören.

»Mir ist es wichtig, dass die Jugendlichen gemeinsam etwas entwickeln, auf das sie stolz sind und das sie am Ende feiern können«, so die Leiterin des Büros für Friedenskultur. Wir sitzen in einem Café in der Sonne vor dem Rathaus und unterhalten uns nun schon eine ganze Weile. Die geborene Osnabrückerin schwärmt von ihrer Stadt, und ich kann das sehr gut nachvollziehen: Um uns herum eine heimelige kleine Altstadt, eine Menge hübscher Läden und viel Gastronomie. Wie Münster, so ist auch Osnabrück eine Universitätsstadt, die stark von den Studierenden geprägt wird. Wie in Münster, so ist auch in Osnabrück die Altstadt im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört worden. In beiden Städten wurden die historischen Gebäude wieder aufgebaut. Die jeweiligen Rathäuser erhielten sogar das Original-Mobiliar von einst zurück, weil ein findiger Stadtarchivar dieses in einem Salzstock sicher vor den Bomben gelagert hatte. So dominieren in Münster und Osnabrück die Erinnerungen an den Westfälischen Frieden von 1648 und geben den Städten ihr Profil.

»Wir hier in Osnabrück sind eine Friedensstadt«, berichtet Christine Grewe. Dies ist DAS herausragende Merkmal der Stadt. Daher sei dieses Thema immer allgegenwärtig und für alle Bürgerinnen und Bürger von großer Bedeutung. Die sympathische Geschichts- und Politikwissenschaftlerin erzählt engagiert von den vielen Projekten und Veranstaltungen, die die Stadt in den vergangenen Jahren rund um das Thema Frieden schon erleben durfte. Besonders gut erinnert sie sich an die 350-Jahr-Feier im Jahr 1998. Damals waren beinahe alle Königshäuser Europas und der Vatikan zu Gast, um an den Friedenschluss, der seinerzeit in Osnabrück und Münster zäh verhandelt wurde, zu erinnern. Das Büro für Friedenskultur wurde drei Jahre später gegründet.

Christine Grewe, Mutter von drei Kindern, legt besonderen Wert auf das Thema »Jugendbegegnung«. »Wir haben zum Beispiel als einzige Stadt in Deutschland Jugendbotschafter. Das sind Jugendliche, die für ein Jahr von unseren Partnerstädten entsandt werden, um für ihr Land und ihre Region bei uns zu werben. Dieser Austausch, der natürlich auch umgekehrt stattfindet, ist eine Bereicherung für Osnabrück.«

Zurück zum Labor Europa: Hier wurde vor einigen Monaten damit begonnen, in Form eines offenen Aufrufs auf verschiedenen internationalen Plattformen und bei Netzwerken um Teilnehmer zu werben. »Wir erhielten circa 80 Bewerbungen, die fast alle sehr qualifiziert waren. Da wir jedoch je nach Genre bestimmte Voraussetzungen haben (für den Bereich »Musik« konnten wir zum Beispiel nicht zu viele Pianisten annehmen) und auch nur begrenzte finanzielle Mittel, sind es nun insgesamt 51 Teilnehmer geworden, die eine Zusage erhalten haben«, erläutert Grewe.

Der Friedenssaal im Rathaus Osnabrück. Bildnachweis: Angela von Brill

Die Teilnehmer werden aus 19 Nationen anreisen und zehn Tage in Osnabrück verbringen. Tagsüber arbeiten sie an ihren jeweiligen Projekten, abends finden gemeinsame Aktivitäten statt. Christine Grewe hofft, dass Labor Europa sich nach ihren Vorstellungen entwickelt: »Ich hoffe sehr, dass viel Bindung zwischen den über 50 Jugendlichen entsteht und auch zu den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Brücken gebaut werden. Ich sehe schon das Abschlussbild vor meinem inneren Auge und bin sehr optimistisch, dass meine Vorstellungen sich erfüllen.«

Der Abschluss des Projektes wird mit der Kulturnacht am 25. August 2018 zusammenfallen. An diesem Tag werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Ergebnisse präsentieren und von hoffentlich vielen der erwarteten 35.000 Besuchern bestaunt werden. Bereits am Vortag steht eine Preview an, bei dem der Geschäftsführer des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalpflege, Dr. Uwe Koch, der im Auftrag der Kulturstaatsministerin das deutsche Kulturerbejahr koordiniert, zu Gast sein wird.

Am Ende unseres Gesprächs lehnt sich Christine Grewe zurück und blinzelt in die Sonne: »Ich bin mir sicher, dass Labor Europa für alle Beteiligten ein unvergessliches Erlebnis werden wird. Und sie werden hoffentlich davon erzählen.« Ich stimme ihr in Gedanken zu. Für mich selbst war der Tag in Osnabrück voller bemerkenswerter Eindrücke. Den Jugendlichen wird es sicherlich kaum anders ergehen.

Ein Kommentar

  1. Andreas Kuntz 16. September 2018 um 14:55 Uhr - Antworten

    Ein wunderbarer, spannender Ansatz: Qualifizierte junge Menschen aus Europa zusammenbringen.

    Ist Europa als politisches Gebilde weiter auf der Spur des Friedens? Das entscheidet sich in den nächsten zwei Jahren. Dazu gibt es die passende Aktionstagung des Forum Ziviler Friedensdienst e.V. (forumZFD) 12.-14.10. in Königswinter am Rhein.
    https://www.forumzfd.de/de/aktionstagung_2018

    Das forumZFD entsendet Friedens- und Konfliktberater im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes (einem Progamm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), fördert zivlie Konflitkbearbeitung in Deutschland (Quartier-Arbeit) und bildet in ziviler Konfliktbearbeitung aus (Akademie für Konflikttransformation).

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