Frieden ist nicht gleich Frieden

Die flächenmäßig größte Ausstellung zu »Frieden. Von der Antike bis heute« ist die im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster. Sie trägt den Titel »Wege zum Frieden«. Dort sind sehr vielfältige und eindrucksvolle Exponate rund um das Thema zusammengetragen, welche die Besucherinnen und Besucher mit auf eine Reise nehmen durch unterschiedliche Epochen und verschiedenste Perspektiven zum Thema. In dieser Woche hatte ich endlich Gelegenheit, an einer Führung teilzunehmen, und ich muss sagen: Viele, viele Eindrücke konnte ich von dort mitnehmen. 


Sieben Hauptbereiche zum Thema Frieden

Die Ausstellung ist gegliedert in sieben wesentliche Abteilungen. Der erste Bereich beschäftigt sich mit Bildern, Symbolen und Visualisierungen des Friedens. Der zweite zeigt Künstler, die aktiv für den Frieden bzw. gegen den Krieg gearbeitet haben. In der dritten werden Gesten, Rituale und Verfahren in Friedensprozessen thematisiert. Der vierte Bereich zeigt beispielhafte Friedensschlüsse – hier im Kern natürlich auch den Westfälischen Frieden. Das 20. Jahrhundert als das »Zeitalter der Extreme« mit den beiden Weltkriegen und die atomare Bedrohung während des Kalten Krieges stehen bei den beiden nächsten Unterteilungen im Mittelpunkt, während der letzte Raum der Friedensproblematik heute gewidmet ist und schließlich im Lichthof des Altbaus eine moderne Kunstinstallation Assoziationen zum Thema Frieden freisetzt.


Die sanfte Pax wird meist von Justitia begleitet

Unter der Überschrift »Symbole für den Frieden« finden sich im LWL-Museum für Kunst und Kultur vor allem Gemälde der Frühen Neuzeit, auf denen Pax, die Personifikation des Friedens, ins Bild gesetzt ist. Interessant fand ich vor allem, dass die sanfte Pax meist von Justitia, der Gerechtigkeit, begleitet ist. Damit wird schon in diesen Renaissance-Darstellungen – etwa solchen von Battista Dossi (ca. 1490–1548) – deutlich, dass nur ein »gerechter« Friede auch ein guter – heute würde man wohl sagen »nachhaltiger« – Friede ist.

Neben den imposanten Ölgemälden zu Pax werden auch verschiedene Darstellungen von Orpheus, Kupferstiche zum Thema Frieden, Schriften, Darstellungen eines goldenen Zeitalters bzw. einer gerechten Regentschaft wie auch satirische Zeichnungen ausgestellt, die den Frieden symbolisieren.

Mir persönlich haben in diesem ersten Bereich besonders die Regenbogen von Otto Piene gefallen, die als »Tag« (weißer Hintergrund) und »Nacht« (schwarzer Hintergrund) den Ausgang aus dem ersten Museumssaal säumen.

 

Künstler für den Frieden zeigen meist Darstellungen von Krieg

Auch im zweiten Saal finden sich eine Reihe von Exponaten aus verschiedensten Zeiten und Stilrichtungen. Allen ist gemein, dass die Künstler mit ihnen ein Zeichen setzen wollten für den Frieden. Oftmals gelingt ihnen das, indem sie eindrucksvoll darstellen, welche Folgen der Krieg hat.

Besonders erwähnenswert sind für mich die Werke von Käthe Kollwitz, Wilhelm Lehmbruck und Otto Dix. Sie führen in besonders drastischer Weise vor Augen, wie zerstörerisch der Krieg auf den einzelnen Menschen wirkt, wie er ihn gemäß dem Titel der Lehmbruck-Plastik »stürzen« lässt.

Mein Favorit im zweiten Raum: das großformatige Ölgemälde »Flandern« von Otto Dix. Erst auf den zweiten Blick habe ich die Soldaten im vorderen Bereich des Bildes wahrgenommen und wurde geradezu »aufgesogen« von den Augen des rechten Soldaten, der mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Trauer und Leere aus dem Bild schaut.

 

Kuss, Handschlag, Kniefall, Festessen: Rituale bei Friedensschlüssen

Inhaltlich sehr spannend war aus meiner Sicht der dritte Themenraum. Hier beschäftigt sich die Ausstellung mit den verschiedenen Handlungen und Ritualen, die rund um einen Friedensschluss von Bedeutung sind. Dabei werden verschiedene Formen von Frieden unterschieden: der »Verhandlungsfriede« zum Beispiel oder auch der »Unterwerfungsfriede«. Sie alle hatten verschiedene Rituale – zum Beispiel das von einem Friedenskuss oder einem Festmahl, einer Geste der Unterwerfung oder auch einem Handschlag.

Der Raum eröffnet mit einem Bild von Jean François Edouard de Bièfve mit dem Titel »Damenfrieden« (Paix des Dames) aus dem Jahre 1843. Es zeigt sehr anschaulich, dass mancher politische Friedenschluss erkennbar nicht von Herzen kommt. Auf dem Gemälde geben sich Margarete von Österreich und Luise von Savoyen die Hand und beschlossen damit einen zumindest vorübergehenden Frieden. Sie taten dies aus politischer Vernunft gegen alle Abneigung, die der Maler deutlich zum Ausdruck bringt.

Mein Favorit hier: das Foto von Willy Brandts Kniefall vor dem Ehrenmal des Warschauer Ghettos im Jahr 1970. Immer, wenn ich dieses Bild sehe, bin ich einmal mehr tief beeindruckt von der (wohl spontanen) Geste unseres damaligen Kanzlers.

 

Friedenschlüsse: Immer auch ein Kraftakt für das Protokoll

Wer darf verhandeln? Wer darf mit wem sprechen? Wer unterschreibt zuerst? Wer sitzt wo am Verhandlungstisch? Protokollfragen wie diese sind bei Friedensverhandlungen oft von entscheidender Bedeutung. Werden sie im Vorfeld nicht erfolgreich, intelligent und zu aller Zufriedenheit gelöst, scheitern die Verhandlungen bevor sie begonnen haben.

Mit der Präsentation von Friedensverhandlungen und Friedensschlüssen wartet schließlich der vierte Raum der Ausstellung »Wege zum Frieden« auf. Im Mittelpunkt steht hier natürlich der in der eigenen Stadt verhandelte Westfälische Friede – eine wahre Meisterleistung in Sachen Protokoll, Diplomatie und Verhandlungskunst. Aber auch die Verhandlungen nach der Niederlage von Napoleon oder der »Türkenfrieden« werden gezeigt.

Mein Lieblings-Exponat ist hier die Beschwörung des Spanisch-Niederländischen Friedens im Rahmen der Verhandlungen zum Westfälischen Frieden, gemalt von Gerard ter Borch. Der längst unterzeichnete Friede wurde durch den Austausch der Ratifikationsurkunden in Kraft gesetzt und man legte feierliche Eide ab, ihn ewig zu halten.

 

Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg – Jahrzehnte der Extreme

Propaganda für den Krieg, Propaganda gegen die Bürden des Versailler Vertrages, Propaganda für die Aufrüstung. Im fünften Raum werden eine Reihe von Plakaten und Kampagnen gezeigt, mit denen verschiedene politische Parteien der Bevölkerung ihre Standpunkte mehr oder weniger drastisch vor Augen führen wollten. Daneben sind auch Exponate zu sehen wie etwa „Das rote Telefon“ zwischen Washington und Moskau.

Anhand von Fotografien und Zeitdokumenten wird deutlich, wie fragil die Friedenszeiten zwischen den beiden Weltkriegen und nach dem Zweiten Weltkrieg waren. In der Nachschau betrachtet, ist es fast ein Wunder, dass der Kalte Krieg niemals zum Ausbruch kam.

Ein Kunstwerk, das mir in diesem Raum besonders gefallen hat, ist die Bronzestatue von Ernst Barlach namens »Der Rächer«. Barlach zeigt hier einen Angreifer, der an seinem eigenen Tun zweifelt. Eine sehr beeindruckende Figur, wie ich finde.

 

Die Gegenwart als Abschluss der Ausstellung

Mit Perspektiven aus der Gegenwart wird man schließlich aus der Ausstellung hinausgeführt. Zunächst kommt man an einer Reihe von älteren und aktuelleren Spiegeltiteln vorbei, die Krieg oder Frieden zum Thema haben. Sie machen deutlich, wie aktuell das Thema immer wieder ist und an wie vielen Orten der Welt Friede noch nicht oder erst seit Kurzem erreicht wurde.

Danach sieht man ein Video, in dem Interviews mit verschiedenen Personen zum Thema Frieden geführt wurden. Zu Wort kommen Künstler, Aktivisten und Experten.

Nach Verlassen der Ausstellung begegnet man dann im historischen Lichthof noch einer sehr imposanten und sehenswerten Videoinstallation von Yael Bartana. Sie trägt den Titel »Tashlikh« und verweist auf ein jüdisches Ritual, bei dem man seine Kleider ausschüttelt und damit symbolisch auch seine Sünden abwirft. Auf einer riesigen Leinwand, untermalt von einem eindringlichen Sound, fallen Gegenstände herab, die in der ein oder anderen Weise mit dem Thema »Krieg und Frieden« verbunden sind. Sehr sehenswert!


Fazit

Der Umfang der Ausstellung macht deutlich, dass man sich ausreichend Zeit nehmen sollte, um sie vollständig zu erfassen. Durch die thematische Gliederung der Räume ist es möglich, Schwerpunkte zu setzen und sich mit einzelnen Themen genauer auseinanderzusetzen. Ich empfehle definitiv das »komplette Programm«. Ein Museumsbesuch, der sich lohnt!


Bild: © Alexa Brandt


Weitere interessante Einblicke in die Ausstellung »Frieden. Von der Antike bis heute« und ihre zugehörigen fünf Ausstellungsorte gibt es in diesem Video des LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster.

 

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