»Frieden. Wie im Himmel so auf Erden?«: Ein Besuch in der Ausstellung des Bistums Münster

Eine Ausstellung zum Thema Frieden und Christentum stellt keine leichte Aufgabe dar. In Zeiten von Terror, Kriegsdrohungen und zunehmendem Rassismus gerät auch die Religion in ein Spannungsfeld zwischen Friedenskraft und Konfliktpotenzial. Das Bistum Münster ließ es sich dennoch nicht nehmen, einen Beitrag zu den noch bis 2. September 2018 in Münster stattfindenden Ausstellungen im Rahmen von Frieden.Europa zu leisten. Unter dem Titel »Frieden. Wie im Himmel so auf Erden?«, beschäftigt sich die kultur- und kunsthistorische Ausstellung mit Symbolen des Friedens in der Religion, mit der Rolle der Kirche in Zeiten von Krieg und Frieden sowie mit religions-motivierten Konflikten. Ein großer Themenkomplex heruntergebrochen auf aussagekräftige Exponate, die jeweils eine Geschichte dazu erzählen.

Obwohl die Ausstellung, die im Altbau des LWL-Museums in der Studiogalerie stattfindet, zunächst kompakt und übersichtlich wirkt, benötigt man Zeit und Muße, um sie zu erschließen. Alle Räume sind gefüllt mit sehr vielen und sehr unterschiedlichen Exponaten. In nahezu allen gezeigten Werken steckt neben der kunsthistorischen Bedeutung auch ein Hinweis auf religionsgeschichtliche Zusammenhänge, die zur Auseinandersetzung und Diskussion einladen. Es macht daher Sinn, die Ausstellung nicht allein zu erkunden, sondern sich über die Eindrücke gemeinsam auszutauschen.

Mich begleitet bei meinem Besuch Thomas Fusenig, einer der drei Wissenschaftler, die für die Entwicklung, Konzeption und Umsetzung der Ausstellung zuständig sind. Neben ihm gehören Thomas Flammer und Viktoria Weinebeck zum Kuratorenteam. Der Kunsthistoriker Thomas Fusenig hat viel zu erzählen. Nahezu drei Stunden verbringen wir gemeinsam im Museum. Dabei erläutert er mir nicht nur die Exponate, sondern erzählt auch von seiner spannenden Konzeptions- und Recherchearbeit im Hintergrund.

 

Raum 1: Biblische Friedenssymbole

Der erste Ausstellungsraum eröffnet mit den biblischen Symbolen des Friedens. Hier darf natürlich die Taube mit dem Ölzweig nicht fehlen. Thomas Fusenig erzählt, dass er kürzlich mit Theologiestudierenden sprach und einige zu seiner Überraschung den Kontext dieses Symbols nicht kannten. Die Taube, die Gott Noah und seine Arche sendet, kann als ein Friedensangebot Gottes nach der Sintflut gedeutet werden.

Besonders stolz ist Thomas Fusenig in dieser ersten Abteilung auf eine Leihgabe des Bayerischen Nationalmuseums: ein Holzrelief der 10 Gebote von Veit Stoß dem Älteren aus dem Jahre 1524. Wie in einem Wimmelbild werden die verschiedenen Gebote in szenischen Darstellungen auf insgesamt sechs Tafeln gezeigt. Mit etwas Geduld kann man sie finden und identifizieren. »Die 10 Gebote sind im Grunde jüdische und christliche Regeln für ein geordnetes und damit friedliches Zusammenleben«, so Thomas Fusenig. Sich daran zu halten, sichere ein Stück weit den Frieden in einer Gesellschaft.

Diesen Gedanken vermittle in besonders eindrucksvoller Form auch Jesus in seiner Bergpredigt: »Darin fordert er uns auf, die Gebote nicht nur als äußere Regeln zu betrachten, sondern sie zu verinnerlichen. Ein wichtiger Schritt hin zu friedvoll handelnden Menschen“, erklärt mir der Kunsthistoriker. Dargestellt ist die Bergpredigt auf einem Klappaltar-Bild von Lieven de Witte (um 1500-1550). Thomas Fusenig schwärmt: »Wir waren sehr glücklich, dass wir dieses Objekt aus Gent leihen durften. Die Bergpredigt findet sich sehr selten auf Altarbildern, da sie keinen festen Ort im Gottesdienstablauf hat.«

Klappaltar mit der Bergpredigt und  den acht Seligpreisungen, Lieven de Witte, um 1550 –1553, Gent, Museum voor Schone Kunsten, Inv.-Nr. S-100, Museum voor Schone Kunsten, Gent (Belgium); Photo: Lukas-Art in Flanders vzw; Copyright owner: The Museum of Fine Art Ghent

 

Raum 2: Zusammenkünfte im Namen des Friedens

Nach diesen und weiteren Friedenssymbolen in der christlichen Religion betreten wir den zweiten Raum. Hier geht es ganz konkret um den im Ausstellungstitel genannten »Frieden im Himmel«. Im Christentum ist ein Kernelement der Glaube an einen himmlischen Frieden, zu dem Menschen nach dem irdischen Leben gelangen können. Dargestellt wird dieser Friede oft im Bild einer »Himmelsstadt«, in der Friede und Wohlstand herrschen. Ein eindrucksvolles Exponat in diesem Themenkomplex ist ein kolorierter Holzschnitt mit dem Titel »La Nouvelle Jerusalem« aus dem Bistum Münster. In einer nativen Zeichnung, die an »Max und Moritz« erinnert, werden die Wege in Himmel und Hölle ins Bild gesetzt.

La Nouvelle Jerusalem, Épinal, 19. Jahrhundert; kolorierter Holzschnitt, 45,5×65 cm Münster, Sammlung des Bistums Münster, Foto: Foto: Stefan Jahn

Um Friedensfeiern, das Friedensmahl und Gebete für den Frieden geht es im nächsten Ausstellungsbereich. Hier findet sich unter anderem das Fragment eines Sarkophag-Deckels, das eigens aus dem Vatikanmuseum geliefert wurde. Es zeigt Christen bei einem gemeinsamen Mahl, einer Tradition, die im dritten Jahrhundert vorherrschte, wie mir Thomas Fusenig erzählt: »Die Christen trafen sich zu Gesprächen und gemeinsamem Essen. Den Römern waren diese Treffen suspekt, da hier Menschen verschiedenen Standes und Geschlechts, Freie und Unfreie zusammenkamen.« Dennoch habe man sie unter dem Kaiser Trajan – da sie friedlich verliefen – geduldet, erläutert Kunsthistoriker Fusenig.

Ein wichtiger historischer Zusammenhang im Kontext von »Frieden und Kirche« ist sicher auch der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg. So verwundert es nicht, dass auch dieser Zeitraum der jüngeren Geschichte einen Platz in der Ausstellung findet. Mit Dokumenten des Widerstandes, aber auch mit dem Schweigen des Papstes zu Zeiten der Judenverfolgung in Deutschland wird sich auseinandergesetzt. »Wir durften zum Beispiel von der Harvard University in Boston die Originalbriefe von Dietrich Bonhoeffer entleihen. Das sind einmalige Zeugnisse des Widerstandes, die wir hier zeigen können«, sagt Thomas Fusenig. Der Brief an seine Verlobte, den der Theologe Bonhoeffer wenige Monate vor seiner Hinrichtung schrieb, ist ebenso ergreifend wie unvergessen, da er sein Gedicht »Von guten Mächten wunderbar geborgen« enthält.

 

Raum 3: Religiös motivierte Konflikte

Von diesen ersten Räumen, deren Wände in „Himmels“blau gehalten sind, geht es nun weiter in einen tiefrot gestrichenen Ausstellungsbereich. »Hier kommen wir vom Himmel endgültig auf die Erde. Wir befassen uns nun mit weltlichen Kriegen und mit Konflikten, die religiös motiviert sind«, so die Erläuterung des Kunsthistorikers. Den Anfang dieser Abteilung machen die »normalen Kriege«. Krieg gehörte für die Menschen lange Zeit zu den legitimen Mitteln, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Krieg galt als »gerechter Krieg«, gemeint als »im Sinne Gottes«. Dieses Verständnis dokumentiert eine Reihe von Exponaten aus verschiedenen Epochen. Grundgelegt ist dieses Verständnis schon im Mittelalter. Es werden drei »Stände der Christenheit« dokumentiert: Gott verbindet den Stand der Kirche, den Stand der weltlichen Herrscher und Kriegsherren und den (unwichtigen) Bauernstand zu einer gemeinsamen Kraft für eine funktionierende Gesellschaft. Ein farbenprächtiges Bild von Bartholomäus Bruyn dem Älteren (um 1535) setzt diese »göttliche Ordnung« ins Bild.

Auf verschiedene Weise wird bei den folgenden Exponaten der Wunsch nach göttlichem Beistand in den unterschiedlichen Kriegen erkennbar: Fahnen mit christlichen Symbolen oder Bezügen, Uniformknöpfe und Gürtelschnallen mit der Aufschrift »Gott mit uns«, Bilder und Postkarten, bei denen Gott auf der Seite der Krieger steht. Gott sollte helfen, siegreich zu sein – zu jeder Zeit und bei jeder Partei.

Aber auch der Widerstand gegen den Krieg in der jüngeren Geschichte und die Friedensbewegungen beziehen sich oftmals auf christliche Motive oder den christlichen Glauben. Ein zentrales und eindrucksvolles Bild für diese Thematik ist der Holzschnitt »Christus zerbricht das Gewehr« von Otto Pankok aus dem Jahr 1950. »Aus der Nikolai-Kirche in Leipzig haben wir das Plakat für die Friedensgebete am Montagabend entliehen, die 1989 Kristallisationspunkt für die Leipziger Montagsdemonstrationen wurden. Es enthält mit dem Regenbogen und dem Symbol ,Schwerter zu Pflugscharen‘ gleich mehrere christliche Symbole, die sich auf allen Friedensdemonstrationen wiederfinden lassen«, so Thomas Fusenig.

Plakat »Schwerter zu Pflugscharen –  Friedensgebet in St. Nikolai«, André Steidtmann, Leipzig, 1982, Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde St. Nikolai Leipzig, Copyright/Foto: Andreas H. Birkigt, Leipzig, Rechte am Logo:  „Schwerter zu Pflug-scharen“  bei der Ökumenischen FriedensDekade

 

Raum 4: Kriege als Mittel zum Zweck bei der Verbreitung des christlichen Glaubens

Den vorletzten Ausstellungsabschnitt füllt ein sehr schwieriges Thema: die Religionskriege bzw. die Vermittlung des christlichen Glaubens mit Zwang und Gewalt. Thomas Fusenig erläutert: »An dieser Stelle müssen wir uns auch mit den Kreuzzügen auseinandersetzen. Sie waren ursprünglich als ,bewaffnete Pilgerreise‘ angelegt. Die Teilnehmer der Kreuzzüge erhielten dafür – wie auch Pilger – einen Sündennachlass. Ihr heimatliches Gut wurde von der Kirche geschützt. Oft waren es dann am Ende Kriege um Schätze und Gebiete, die die Ritter führten.« Eine eigentliche Missionierung sei fast nie das Ziel gewesen. Das habe auch damit zu tun, dass für die Muslime jeder Missionierungsversuch bei Todesstrafe verboten war. Eine aktive Verkündigung des christlichen als »rechten Glaubens« war damit unmöglich.

Mein Lieblingsobjekt in diesem Kontext ist ein Werk des Malers Peter Paul Rubens: die »Allegorie des katholischen Austria, die verfolgt wird« (1620/21). Auf diesem überbordenden Bild aus dem Dreißigjährigen Krieg wird Österreich in großer Bedrängnis gezeigt, sowohl vom protestantischen Böhmen als auch von den Türken aus. Das Highlight für Thomas Fusenig ist etwas unscheinbarer: Ein Kupferstich aus Köln, der um 1634 entstand. Er zeigt den Triumpf der Christen über die Osmanen. Die Rosenkranzbrüderschaft erinnert an den Sieg in der Schlacht von Lepanto 1571, indem sie ein grausames Bild zeichnet: Maria hält statt eines Rosenkranzes ein Schwert, und das Jesuskind trägt den abgeschlagenen Kopf eines Osmanen in seiner Hand. Eine einmalige und wirklich verstörende Darstellung.

 

Eine beeindruckende Ausstellung

Die Exponate, die die Bistums-Ausstellung kombiniert und zeigt, sind allesamt beeindruckend in ihrer Vielschichtigkeit. Sie dokumentieren Abschnitt für Abschnitt unterschiedliche Themenaspekte, gehen auf Widersprüche ein, zeigen Spannungsfelder. Sie sind teilweise modern, teilweise sehr alt, entstammen der Kirchenkunst oder wurden von weltlichen Künstlern ins Bild gesetzt. Diese Vielfalt macht es unmöglich, alle Ausstellungsaspekte zu benennen und vorzustellen. Man sollte deshalb in jedem Fall noch die Chance ergreifen und dem LWL-Museum und der dort gezeigten Bistumsausstellung selbst einen Besuch abstatten und diese erkunden.


Beitragsbild: © Alexa Brandt

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