Friedenspreis 2018 für Ringe deutscher Pfadfinderinnen- und Pfadfinderverbände: Interview mit der Bundesvorsitzenden Ylva Pössinger

Von |2018-07-17T16:25:34+00:0017.07.2018|Kategorien: Unkategorisiert|Tags: , , , , |0 Kommentare

Seit 1998 gibt es den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens. Er wurde anlässlich des 350. Jahrestages des Friedensschlusses ins Leben gerufen und seither alle zwei Jahre von der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe e. V. (WWL) vergeben. Viele große Namen finden sich unter den bisherigen Preisträgern, so zum Beispiel Helmut Schmidt, Daniel Barenboim oder Kofi Annan. In einer zweiten Kategorie gibt es immer einen Jugendpreis, der Kinder- und Jugendorganisationen für ihr besonderes Engagement für den Frieden auszeichnet. Den Jugendpreis 2018 erhalten die Pfadfinder*innen vertreten durch die Ringe deutscher Pfadfinderinnen- und Pfadfinderverbände (rdp). Einen Tag vor der Vergabe des Friedenspreises besuche ich Ylva Pössinger in Düsseldorf. Sie ist Bundesvorsitzende ihres Verbandes. Von ihr möchte ich erfahren, warum der Preis an die Pfadfinder*innen verliehen werden wird, was ihre Organisation genau macht und wie die Reaktion auf diese Ehrung war. 

Ylva Pössinger sitzt neben einem Rollkoffer an ihrem Schreibtisch. Sie hat nicht allzu viel Zeit. In ein paar Stunden wird sie zur Stellprobe in Münster erwartet. Zusammen mit vier jugendlichen Vertreterinnen und Vertretern der Pfadfinder*innen wird sie dort für die Preisverleihung gebrieft. Es ist ein großes Event mit wichtigen Gästen. Als Laudatoren werden Frank-Walter Steinmeier und Armin Laschet erwartet. »Wir wollten unbedingt, dass Pfadfinderinnen und Pfadfinder aus der Basis den Preis entgegennehmen. Ihr Engagement ist es, um das es geht. Wir haben vier Jugendliche im Alter zwischen 14 und 23 Jahren ausgewählt. Und die sind ganz schön nervös«, erzählt die Bundesvorsitzende.

Was genau die Ringe deutscher Pfadfinderinnen- und Pfadfinderverbände seien, möchte ich wissen. »Die Organisationen rund um die Pfadfinderbewegung sind sehr heterogen. Es gibt eine Reihe verschiedenster lokaler Gruppen und Verbände mit unterschiedlicher Ausrichtung. Der Begriff ist nicht geschützt, jeder kann sich so nennen. Aber die internationalen Vereinigungen der Pfadfinder*innenverbände benötigt pro Land eine Mitgliedsorganisation.« Dies habe dazu geführt, dass sich in Deutschland mehrere Verbände zu zwei Ringen zusammengeschlossen haben: die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG), die Pfadfinderinnenschaft St. Georg (PSG), der Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) und der Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP).

Ylva Pössinger erklärt: »Eigentlich war es nur eine Formsache, um international eine Gemeinschaftsorganisation ausweisen zu können. Daraus ist aber inzwischen ein echter Austausch und eine sehr gute Zusammenarbeit erwachsen.« Sie berichtet zudem, dass man zwar durchaus nicht immer dieselbe Ansicht vertrete, sich aber sehr intensiv und ernsthaft mit den Standpunkten des jeweils anderen auseinandersetze. »Bei uns werden Beschlüsse selten erzielt, indem man die anderen überstimmt. Meist einigt man sich in der Diskussion auf einen gemeinsamen Konsens.« Für Ylva Pössinger spiegelt sich darin eine wesentliche Haltung der Pfadfinderinnen und Pfadfinder wieder: »Wir sind offen für Vielfalt und akzeptieren unsere Mitglieder so, wie sie sind. Das müssen wir dann auch auf Vorstandsebene leben.«

Ich möchte wissen, ob dies auch ein Grund dafür sei, warum den Pfadfinder*innen der Jugend-Friedenspreis verliehen wurde. »Den haben wir jedenfalls nicht bekommen, weil wir jeden Tag einer alten Dame über die Straße helfen, so wie manche glauben«, lacht Pössinger. Das Motto »Jeden Tag eine gute Tat« sei nicht der einzige Kern der Pfadfinder*innen-Arbeit. Es gebe aber dennoch die Haltung der Organisation wieder. »Es geht um ein Miteinander in den Stämmen der Pfadfinderinnen und Pfadfinder. Jeder wird aufgenommen und integriert«, erklärt mir Ylva Pössinger. Wichtig sei ein achtsamer Umgang miteinander und mit der Umwelt. »Wir treffen uns in der Regel wöchentlich. Inhalt der Treffen ist mal etwas ganz Praktisches – wie Knoten lernen oder Feuermachen als klassische Scout-Themen – oder etwas Theoretisches wie die eigenen Vorsätze und Werte.«

Armin Laschet wird die Arbeit der Pfadfinderinnen und Pfadfinder in seiner Laudatio am folgenden Tag so formulieren: »Die Pfadfinderinnen und Pfadfinder sind Vorbilder, die die Ideale einer friedlichen, toleranten Welt verkörpern«. Der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen betont, dass es heute mehr denn je von Bedeutung sei, füreinander einzustehen und aufeinander aufzupassen.

Am Tag vor der Verleihung in ihrem Büro erläutert Ylva Pössinger: »Pfadfinder*in ist man sein Leben lang. Es ist eine Haltung.« In der Begründung des Friedenspreises ging es aber nicht nur um diese innere Haltung, sondern durchaus auch um eine konkrete, außenwirksame jährliche Tat der Pfadfinder*innenverbände: die Aktion »Friedenslicht aus Bethlehem«. Bereits seit 1986 wird auf Initiative des ORF ein Kind aus Österreich nach Bethlehem entsandt, um dort ein Friedenslicht zu entzünden. Dieses wird im Anschluss per Flugzeug nach Österreich gebracht und von dort weitergereicht. Die Ringe deutscher Pfadfinderinnen- und Pfadfinderverbände verteilen dieses Licht schließlich in ganz Deutschland. Eine sehr sinnbildliche Aktion für den Frieden in der Adventszeit. »Das ist jedes Mal etwas Besonderes. Das Licht wird von einer Kerze zur nächsten weitergegeben. Mir hat einmal jemand gesagt: Wer eine Kerze in der einen Hand hält, kann mit der anderen nicht zuschlagen. Das ist richtig. Das Halten und Weitergeben der Flamme an den Nächsten ist ein zutiefst friedliches Symbol.«

Die Leidenschaft, mit der viele Pfadfinderinnen und Pfadfinder dabei sind, sieht man auch an Ylva Pössinger selbst. Seit 20 Jahren ist sie engagierte Pfadfinderin, seit zwei Jahren Bundesvorsitzende. Ihr »Stamm« ist an ihrem Heimatort. Aber auch während ihres Studiums in Münster blieb sie immer aktiv. »Mich begeistert die Pfadfinder*innen-Arbeit immer noch, die vielen Begegnungen und das tolle Miteinander. Das wird nie an Faszination verlieren«, erklärt mir die hauptberufliche Pfadfinderin.

Und jetzt also als Anerkennung der Arbeit die Verleihung des Jugend-Friedenspreises. Ist das etwas Besonderes, will ich von ihr wissen. »Ja, in jedem Fall. Unsere Arbeit ist oft für Außenstehende nicht bekannt, und es gibt auch eine Reihe von Vorurteilen. Wir werden zum Beispiel häufiger gefragt, ob wir nicht den ganzen Tag durch den Wald laufen und Stöcke sammeln würden. Daher sind wir unglaublich stolz, dass wir jetzt von außen und von solch einer anerkannten Institution für unsere Arbeit geehrt werden«, betont Ylva Pössinger.

Nach dem Wochenende der Preisverleihung rufe ich Ylva Pössinger erneut an. Ich möchte sie fragen, wie sie den Festakt erlebt und welche Eindrücke sie aus Münster mitgenommen hat. Sie erzählt mir: »Das war wirklich sehr, sehr beeindruckend. Schon am Freitagabend gab es ein gemeinsames Festessen, bei dem unsere vier Vertreterinnen und Vertreter am Tisch der Preisträger sitzen durften. Sie haben dieses Essen gemeinsam mit den vier Staatsoberhäuptern der ausgezeichneten baltischen Staaten souverän gemeistert, gute Gespräche geführt und mir anschließend ganz begeistert von dem Abend berichtet Es war sowieso unglaublich, wie gut sie alles bewältigt haben. Wir waren sehr stolz auf sie! Am Tag der Preisverleihung saßen sie dann neben Armin Laschet in der ersten Reihe. Als sie auf der Bühne den Preis erhielten und befragt wurden, haben sie sehr gelungene und teilweise auch lustige Antworten gegeben. Die gesamte Veranstaltung war extrem stimmungsvoll und eine große Ehre für uns Pfadfinderinnen und Pfadfinder«, schwärmt die Bundesvorsitzende und schließt unser Gespräch mit dem Satz: »Dieser Abend wird sicher für alle Beteiligten unvergessen bleiben.«


Bild: © Christian Schnaubelt, Pressesprecher rdp NRW

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