Labor Europa: Vorbild für europäische Zusammenarbeit

Das europäische Begegnungs- und Beteiligungsprojekt „Labor Europa“, das vom Büro für Friedenskultur der Stadt Osnabrück initiiert und organisiert wurde, prägte gleichermaßen bei Teilnehmern, Kooperationspartnern und Besuchern das Verständnis für eine europäische Wertegemeinschaft.

Die gemeinsame kreative Arbeit der über 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 16 Ländern Kontinentaleuropas fand in fünf sogenannten Laboren statt, die den Charakter von Workshops hatten. In ihnen wurde die Atmosphäre eines Labors nachempfunden, in dem geforscht wird, sich etwas teilt, etwas Neues entsteht und Kulturen wachsen. Dabei wurden Labore in den Bereichen Kunst, Geschichte, Performance, Musik sowie Medien & Games angeboten. Die Teilnehmer befassten sich mit europäischen Werten und mit den Herausforderungen, vor denen Europa steht, mit Fragen der individuellen oder öffentlichen Sicherheit, mit der Geschichte und Gegenwart Europas und entwickelten daraus Perspektiven für ein Europa der Zukunft. Als Teil des Gemeinschaftsprojektes der Städte des Münster und Osnabrück, „Frieden.Europa“, wurde „Labor Europa“ durch die Bundesministerin für Kultur und Medien, die Felicitas und Werner Egerland-Stiftung und das Land Niedersachsen gefördert.

Professionelle Partner wie das Theater Osnabrück, die Kunsthalle Osnabrück oder das Institut für Musik der Hochschule Osnabrück leiteten die einzelnen Labore. Kommuniziert wurde mit den Teilnehmern in englischer Sprache. Die fünf Labore hatten neben den unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen individuelle Titel, die den thematischen Orientierungsrahmen für die kreative Arbeit vorgaben. Ein Besuch in der Partnerstadt Münster gab dieser Arbeit zusätzliche Impulse. Nach einem Empfang im Friedenssaal gingen die jungen Menschen auf Entdeckungstour zu Friedensorten in Münster. Sie besuchten anschließend die Ausstellung „Frieden – von der Antike bis heute“ im LWL-Museum für Kunst und Kultur, zu der sie von Dr. Hermann Arnhold/Museumsleiter persönlich begrüßt wurden.

Besuch im LWL Museum in Münster (Foto: Rena Ronge)

Vielfalt in fünf Laboren

Die aus 12 verschiedenen europäischen Ländern stammenden Teilnehmenden des Labors Geschichte wurden vorab aufgefordert, persönliche Gegenstände aus ihrer Heimat mitzubringen, die einen symbolischen oder direkten Bezug zu dem Titel „War and Peace in European History“, also Krieg und Frieden in der europäischen Geschichte, haben. Über diese haben sie während der Projekttage diskutiert, Ausstellungen und Gedenkstätten besucht, und schließlich aus den gewonnenen Erkenntnissen und ihren mitgebrachten Objekten eine eigene Ausstellung im Akzisehaus entwickelt.

Im Labor Performance widmeten sich die Teilnehmenden aus Italien, Rumänien, der Türkei und Deutschland dem Titel „The Listeners“ und vermittelten in einer Langzeitperformance vom frühen Morgen bis in die Nacht die Bedeutung des Zuhörens für den Friedensprozess und für das Gelingen von Dialog und Kommunikation. Die partizipative Performance fand im historischen Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses statt, in dem unter anderem vor 370 Jahren die langwierigen Verhandlungen geführt wurden, die den Dreißigjährigen Krieg beendeten und zum Abschluss des Westfälischen Friedens führten.

Im Labor Musik wurden unter dem Titel „Memory Culture – Songs from the KZ Theresienstadt“ Kompositionen aus dem Konzentrationslager einstudiert, in dem Menschen aus ganz Europa inhaftiert waren und zu Tode kamen. In Theresienstadt war fast die gesamte jüdische Kulturelite versammelt, darunter zahlreiche Komponisten. Die erarbeiteten Lieder, die vom Überlebenswillen der Menschen in den Konzentrationslagern zeugen, wurden schließlich durch junge Musikerinnen und Musiker aus ganz Europa  an einem Ort der Erinnerung, im Felix-Nussbaum-Haus, im Rahmen eines Wandelkonzertes präsentiert.

Im Labor Kunst haben sich die Teilnehmenden aus Deutschland, Griechenland, Azerbaijan und Spanien unter dem Titel „Safety first“ künstlerisch mit dem Thema Sicherheit in Europa beschäftigt. Dies hat angesichts der großen Debatten um Fluchtbewegungen und Abschottung, globaler Themen wie Terror oder Klimawandel, eine vermeintlich neue Relevanz bekommen, deren Dimensionen von den Künstlerinnen und Künstlern spielerisch, aber auch sehr ernsthaft interpretiert wurden.

Die Teilnehmenden des Labors Digitale Medien & Games aus Italien und Griechenland entwickelten unter dem Titel „Being European“ einen Kurzfilm sowie Onlinegames, die sich mit der Vorstellung einer gemeinsamen, europäischen Identität befassen. Dabei wurde nicht ausgeklammert, was das Ende des politischen Europas und damit einer gemeinsamen europäischen Identität, in der Konsequenz bedeuten könnte: Ein Wiedererstarken der Nationalismen und eine steigende Gefahr für kriegerische Auseinandersetzungen. Der Kurzfilm „Error 404 –  Europe not found“ greift diese Dystopie auf, indem er den schleichenden Prozess der Spaltung Europas in Zeitraffer skizziert.

Foto: Angela von Brill

Überzeugende Ergebnisse in der Kulturnacht

Die Teilnehmenden hatten knapp sieben Tage Zeit, um in ihren Laboren individuelle oder gemeinsame Projekte zu realisieren. Im Rahmen der jährlichen Osnabrücker Kulturnacht wurden die Ergebnisse der fünf Labore einer großen Öffentlichkeit präsentiert. Die Präsentationsorte lagen dabei in unmittelbarer Nähe. An die eindrucksvollen und berührenden Wandelkonzerte im Felix-Nussbaum-Haus, schloss sich der Besuch der Ausstellung des Labors Geschichte im benachbarten Akzisehaus an. Die Besonderheit, dass die Eigentümer der Exponate anwesend waren und ihre Geschichten über Krieg und Frieden persönlich erzählen konnten, machte diese Geschichtsausstellung so spannend.

Die farbenfrohe und multimediale Ausstellung der Labore Kunst und Medien & Games im Kunstraum hase29 machte viele Passanten neugierig, die eigentlich auf dem Weg zum Marktplatz vor dem Rathaus waren. Die Fotografien, Malereien, Video- und Rauminstallationen, Kurzfilme sowie ein Crossover aus Performance und Installation kamen besonders beim jungen Publikum gut an und regten die spontanen Besucher zum Nachdenken über ihr persönliches Sicherheitsempfinden und über die Frage nach einer europäischen Identität an.

Im Friedenssaal des Rathauses fanden sich viele Besucher der Kulturnacht ein, die Ruhe und Abstand vom Trubel aus Lichtern, Lärm und Menschenmengen vor dem Rathaus suchten. Hier konnten sie nacheinander und einzeln den Friedenssaal betreten, und in der ruhigen Atmosphäre den Zuhörenden erzählen, was ihnen auf der Seele lag. Dadurch wurde die Botschaft von „The Listeners“ für die Besucher erlebbar.

Friedenssaal Münster (Foto: Angela von Brill)

Vorbild für Friedenskultur und Zusammenhalt in Europa

Als die Anspannung bei den jungen Europäern in der Kulturnacht am 25. August nachließ und der Zufriedenheit über ihre gelungenen Projekte und der Bestätigung durch positives Feedback wich, realisierten die Teilnehmer mehr und mehr, dass sie in weniger als einem Tag schon wieder in ihren jeweiligen Heimatländern sein würden und ein Wiedersehen ungewiss ist. Doch schon während der Projekttage haben sich viele neue Freundschaften gebildet, die durch die sozialen Medien auch über Ländergrenzen hinweg bestehen werden. Zudem hat das Projekt einige der jungen Europäer motiviert, in ihrer Heimat eigene Begegnungsprojekte nach dem Vorbild von Labor Europa anzustoßen. Diesen Modellcharakter hat auch Koordinator des Europäischen Jahres des kulturellen Erbes in Deutschland, Dr. Uwe Koch, dem Projekt „Labor Europa“ bescheinigt.

In einer Sache sind sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig, wenn sie an die zehn turbulenten und kreativen Tage in Osnabrück denken: In diesem europäischen Labor ist etwas Neues und auch für die Zukunft Verbindendes entstanden.

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