Nahezu unmöglich und doch geschlossen: der Westfälische Friede

Von |2018-08-10T08:40:55+00:0016.08.2018|Kategorien: Unkategorisiert|Tags: |0 Kommentare

 

80 Jahre Krieg zwischen den Niederlanden und Spanien und 30 Jahre Krieg in Europa mussten beendet werden. Zwischen einer Vielzahl beteiligter Parteien bedurfte es dazu einer Einigung. Zwei Städte wurden zum Verhandlungsort erwählt, um Protestanten (Osnabrück) und Katholiken (Münster) voneinander zu trennen. Nach fünf Jahren dann wurde am 24. Oktober 1648 der Westfälische Frieden geschlossen, der von da an bis heute in vielen Punkten nachwirkt. Soweit die groben Eckdaten, die zum Friedensschluss führten. Diese lassen erahnen, wie aufreibend das Unternehmen »Westfälischer Friede« tatsächlich gewesen ist.

Professor Jakobi übernimmt es einmal mehr, mir die komplexen Vorgänge verständlich und spannend zu erläutern: »Eine große Herausforderung war, dass trotz der allgemeinen Friedenssehnsucht bis dahin alle Verhandlungen gescheitert waren. Allein die Tatsache, dass neben dem Dreißigjährigen Krieg auch der 80-jährige Krieg Spanien-Niederlande beendet werden musste, machte das Unterfangen beinahe unmöglich. Hinzu kam, dass es keinen Waffenstillstand gab, der Krieg wütete während der Verhandlungen unvermindert weiter.«

 

Das Novum: Ein Friede erzielt durch Verhandlung gleichberechtigter Partner

Dennoch musste man versuchen, einen Frieden herbeizuführen – und das, ohne Sieger und Besiegte, Starke und Schwache zu haben, die dem Verhandeln eine klare Richtung gegeben hätten. Professor Jakobi erklärt dazu: »Man musste alle an einen Tisch bekommen. Das war der einzige Weg.«
So plante man einen möglichen Ablauf. Zwei Städte wurden ausgewählt, die zu dieser Zeit vom Kriegsgeschehen nicht betroffen waren und so nah beieinander lagen, dass man sich ständig über den Stand der Verhandlungen informieren und das weitere Vorgehen abstimmen konnte. Zusätzlich musste sichergestellt sein, dass sie den Konfessionen der jeweiligen Gesandten entsprachen, sprich protestantisch bzw. katholisch geprägt waren.
»Es wurde ein Gesandtenkongress einberufen. Das bedeutete: Nicht die Herrschenden beziehungsweise ihre leitenden Staatsmänner selbst, sondern bevollmächtigte Delegationen führten die Verhandlungen. Es waren einerseits Vertreter der Großmächte Spanien, Schweden, Frankreich und des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen. Andererseits Vertreter der Regionalmächte, der Kurfürstentümer und zahlreicher Territorialmächte«, erklärt Professor Jakobi. Eine große Vielzahl an Interessen und Meinungen, die da zusammentraf. Der Historiker erläutert weiter: »Da die Machtverhältnisse nicht feststanden und es keine Verhandlungsdiplomatie im heutigen Sinne gab, konnte man nicht vorweg definieren, wer wann und mit wem über welche Gegenstände zu verhandeln hatte. Es wurden daher keine direkten Verhandlungen in großer Runde geführt. Zwei Mediatoren übernahmen die Vermittlung.«

 

Mediatoren als ein Schlüssel zum Erfolg

Diesen Vermittlern im Kommunikationsprozess weist Professor Jakobi eine bedeutende Rolle zu: »Die Mediatoren waren zum einen der päpstliche Nuntius Fabio Chigi, zum anderen Alvise Contarini, der Gesandte der Republik Venedig, also Vetreter zweier am Kriegsgeschehen nicht beteiligter Mächte. Sie mussten den Status der Unabhängigkeit wahren und die einzelnen Positionen in vielen verschiedenen Gesprächen zusammenführen. Es wurden also in vielen Schritten einzelne Teilfrieden verhandelt, die dann alle immer noch mit den jeweiligen Herrschenden abzustimmen waren. Ein mühevolles Unterfangen, das fünf Jahre in Anspruch nahm.«

 

Das Protokoll als wesentliche Verhandlungsbasis

Ein kleines Beispiel, das der langjährige Leiter des Stadtarchivs Münsters bei einem Besuch im Friedenssaal anspricht, macht die Schwierigkeiten deutlich: »Bei der offiziellen Unterzeichnung der fertig ausgehandelten Verträge stellte sich die Frage, wer zuerst unterschreiben darf. Da dieses Problem nicht lösbar war, erfolgte die Unterzeichnung nicht zeitgleich in einem Raum, sondern nacheinander in den Quartieren der Delegationen.« Diese und ähnliche Protokollfragen waren an der Tagesordnung und laut Professor Jakobi nur mit viel Geschick und Ideenreichtum zu lösen. 1648 gelang dann endlich eine Einigung, die aus heutiger Sicht betrachtet drei wesentliche Erfolge erzielte.

 

Der Beginn der Religionsfreiheit

Es wurde Religionsfreiheit garantiert, das heißt, es endete der sogenannte Augsburger Religionsfriede, in dem festgelegt worden war, dass regional immer die Konfession des jeweiligen Herrschers für alle seine Untertanen Geltung hat. Professor Jakobi: »Dies führte dazu, dass verschiedene Regionen immer wieder die Konfession wechseln mussten. Mit dem Westfälischen Frieden war dieser Zwangswechsel beendet. Jeder konnte seine Konfession behalten, egal unter welcher Herrschaft. Um dies zu ermöglichen, wurde ein sogenanntes Normaljahr definiert, das 20 Jahre in der Vergangenheit lag. Die Konfessionsverteilung des Jahres 1624 wurde festgeschrieben und bestimmte die regionale konfessionelle Prägung in Deutschland bis heute.«

 

Stärkung der dezentralen Partikularmächte

Im Heiligen Römischen Reich deutscher Nationen waren die Regionalfürsten die eigentlichen Gewinner. Sie wurden deutlich gestärkt und erhielten weitgehende Handlungsfreiheit. »Damit bekamen sie eine große Selbstständigkeit und konnten alles tun, solange es nicht gegen den Kaiser und das Reich ging. Dies war eine Stärkung der föderalen Struktur des Reiches, die die Ausbildung eines Zentralstaates (wie in Frankreich, Spanien, Schweden und England) unterband«, führt Professor Jakobi aus.

 

Stabilisierung zwischen den Großmächten

Das Verhältnis der europäischen Mächte untereinander wurde auf »völkerrechtlicher« Grundlage neu geregelt. Damit besserte sich die europäische Gesamtsituation deutlich. Es kam zwar kein »ewiger Friede« zustande, aber es entstand eine nachhaltige zwischenstaatliche Stabilität in Europa. »Es wurde vertraglich garantiert, dass es kein Eingreifen in die inneren Angelegenheiten eines Staates von außerhalb (Beispiel: König Gustav Adolf von Schweden) mehr geben solle. Damit wurde der Gedanke der Nichteinmischung in inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates grundgelegt, der auch heute noch gilt«, betont der Experte. Professor Jakobi beschließt das Thema mit dem Hinweis: »Der ewige Friede wird eine Utopie bleiben. Aber man kann viel für die Vermeidung kriegerischer Auseinandersetzungen tun und Rahmenbedingungen schaffen, die einen Friedensschluss ermöglichen.« Dafür ist der Westfälische Friede ein lehrreicher, historischer Beispielfall und vielleicht ein Muster für die Lösung von Konflikten in der Gegenwart (zum Beispiel im Nahen Osten).

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