Vom ältesten Friedensvertrag und von einer Göttin in wechselndem Gewand

Ein Besuch im Archäologischen Museum der Stadt Münster

Das kleine Archäologische Museum der Universität Münster hat es in sich. Obwohl es nur einen Ausstellungsraum gibt, eröffnet sich dort mit der Ausstellung »Eirene/Pax. Frieden in der Antike« ein breiter und teilweise recht überraschender Einblick in die Antike, deren Kultur und die Politik der damaligen Zeit. 

 

Ein einmaliges Projekt mit vielen Höhepunkten

Saskia Erhardt, eine studentische Mitarbeiterin des Archäologischen Museums der Universität Münster, führt mich durch die Ausstellung. Sie ist stolz darauf, bei diesem einmaligen Projekt mitgewirkt zu haben: »Wir haben sechs Jahre an dieser Ausstellung gearbeitet. Es war enorm spannend, denn in der Regel befassen wir uns mit den verschiedenen Kriegen in der Antike. Das Thema Frieden in den Mittelpunkt zu stellen, ist da etwas Besonderes.«

Einen Höhepunkt des Rundgangs findet man gleich in der ersten Vitrine: In winziger Keilschrift auf Tontafeln liegen Teile von Kopien des ersten überlieferten Friedensvertrages vor uns. Er stammt aus dem Jahr 1259 v. Chr. und wurde zwischen den Ägyptern und den Hethitern geschlossen. »Besonders beeindruckend ist, dass der Vertrag keinen Unterwerfungsfrieden dokumentiert. Es ist ein Verhandlungsfriede mit einer Win-Win-Situation für beide Seiten«, erläutert Saskia Erhardt. Tatsächlich bezeichneten sich beide Herrscher – Ramses II. und Hattusili III. – als Brüder, sie vereinbarten wohl einen Gefangenenaustausch und besiegelten ihren Friedensschluss mit der Aufstellung von silbernen Texttafeln. Regelungen des gegenseitigen Beistands sind als Ergebnis zu fassen, wie sie sich immer wieder in der Geschichte der Friedensverhandlungen finden lassen.

Schon in der nächsten Vitrine ist erstmalig die Eirene zu sehen. Auf einem Gefäß aus dem Jahre 410 v. Chr. wurde die griechische Göttin dargestellt und mit Namen beschriftet. Saskia Erhardt erläutert: »Sie taucht in dieser Zeit häufiger auf. Da seit fast 30 Jahren der Peloponnesische Krieg wütet, bei dem die Bevölkerung starke Verluste erleidet, mehrt sich die Friedenssehnsucht der Bürgerinnen und Bürger.« Besonderes Augenmerk lenkt die Archäologiestudentin auf die Beschriftung der Götterdarstellung: »Das ist die Besonderheit von Eirene. Sie hat im Gegensatz zu anderen griechischen Göttern keine festen Attribute, an denen sie erkennbar ist. Sie wird immer unterschiedlich und oft sehr unscheinbar dargestellt. Das bedeutet, dass wir sie nur eindeutig zuordnen können, wenn das Bildnis beschriftet ist oder in antiken Texten Erwähnung findet.«

Die wandelbare Eirene und ihr römisches Gegenstück Pax ziehen sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Sie tauchen in verschiedensten Formen und Varianten auf und auch in unterschiedlichstem politischen Kontext. So sind sie einmal, wie oben erwähnt, ein Zeichen der großen Friedenssehnsucht der Bevölkerung. Zu anderen Zeiten dokumentieren sie mit einem Füllhorn in der Hand den Wohlstand, den der Frieden mit sich bringt. Aber auch zu gezielten »Propaganda-Zwecken« wird Pax herangezogen: Um seinen Status als Friedenskaiser zu dokumentieren, werden sowohl unter Augustus (31 v. Chr. bis 14 n. Chr.) als auch unter Kaiser Nero (37 bis 68 n. Chr.) Münzen geprägt, die dem Thema Frieden verpflichtet sind.

Schon damals wurde die Realität gerne von den jeweiligen Herrschern zu ihren Gunsten umgedeutet: Aufstände im römischen Reich werden als »Außenkriege« definiert, die man siegreich führen muss, um Frieden herzustellen. Die Unterdrückung der Feinde, ihre Niederschlagung und Plünderung gelten als »friedenssichernde Maßnahmen«. So lässt Kaiser Vespasian beispielsweise mit den Geldern aus der Beute seiner Kriegszüge einen Friedenstempel bauen. Ein Sinnbild für dieses Friedensverständnis ist dann auch die Statue eines sterbenden Galliers in eben diesem Tempel. Der Niedergang des Feindes steht als Symbol für den Frieden.

 

Mannigfaltige Attribute schmücken Eirene und Pax

Die Attribute, mit denen Eirene oder Pax dargestellt werden, sind überaus vielfältig: Auf manchen Darstellungen versorgt Eirene ein Kind, manches Mal trägt sie ein Füllhorn oder einen Botenstab. Es ist schwer, sich ein Bild von dieser Göttin zu machen. Umso erfreulicher, dass die Archäologen in Münster es dennoch versucht haben: Mitten in der Ausstellung strahlt eine goldfarbene überlebensgroße Statue der Eirene. Sie zeigt diese als unverheiratete Frau mit einem Szepter und einem Füllhorn in den Händen. Das Original stand wohl 375 v. Chr. auf dem Staatsmarkt von Athen – als prächtiges Symbol für den Frieden nach den verheerenden Kriegen gegen die Spartaner. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uni Münster haben eine Menge Detektivarbeit geleistet, um die nur teilweise und verstreut erhaltenen Nachbildungen der Skulptur zu einem historisch authentischen Ganzen zusammenzufügen. Es ist ihnen eindrucksvoll gelungen.

 

Heutige Friedenssymbole reichen zurück bis in die Antike

Der Titel des Münsteraner Ausstellungsprojektes, das von fünf Institutionen getragen wird, »Frieden. Von der Antike bis heute«, bestimmt dann auch den übrigen Teil der Exponate. Es wurde der Frage nachgespürt, ob moderne Symbole des Friedens auch in der Antike schon eine Rolle spielten. Eine spannende Spurensuche tief in die Vergangenheit. So wird beispielsweise auf einem Urkundenrelief aus dem Jahre 403/402 v. Chr. gezeigt, wie sich Hera und Athena die Hand reichen. »Der Handschlag war damals schon eine Geste der Übereinkunft und der Verbundenheit«, erklärt mir Saskia Erhardt. Unterhalb des Bildnisses sind die Vereinbarungen, um dies es ging, öffentlich dokumentiert: Die Athener danken Samos für seine treue Unterstützung im Peloponnesischen Krieg und sichern ihnen Privilegien zu. Der Vertrag wird öffentlich gemacht und erhält so Gültigkeit. Das Bild des Handschlags fasst seinen Inhalt für alle verständlich zusammen.

Eine andere Institution zur Friedenssicherung war in der Antike – genau wie auch heute – das Schiedsgericht. Es wurde sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich eingesetzt. Dokumentiert ist in der Ausstellung der Schiedsspruch der Rhodier in dem Gebietsstreit zwischen Priene und Samos (196 bis 191 v. Chr.). »Rhodos stellte damals ein Schiedsgericht, um die ständig andauernden Grenzstreitigkeiten zwischen Priene und Samos zu beenden. Die Schiedsrichter sichteten sämtliche verfügbaren Dokumente und schritten mit beiden Parteien die Grenze ab. Das Ergebnis wurde an den Zungenwänden seitlich des Eingangs des Athena-Tempel von Priene veröffentlicht. Damit war erst einmal Ruhe«, so die angehende Archäologin.

Sogar die Taube findet sich in der archäologischen Ausstellung wieder. Saskia Erhardt: »Wir haben auch nach dem Symbol der Friedenstaube gesucht, um zu prüfen, ob sie schon in der Antike diese Bedeutung hatte.« Tatsächlich gibt es verschiedene Exponate, die Tauben als Vogel der Liebesgöttin Aphrodite/Venus darstellen.

 

Frieden damals wie heute ein Garant für Wohlstand

Als ich das Museum verlasse, bin ich tief beeindruckt: Eine Reihe unserer gegenwärtigen Symbole und Handlungsweisen bei Konfliktlösungen gibt es schon seit beinahe 3.000 Jahren. Die Mechanismen von Krieg und Frieden und die damit verbundenen Hoffnungen und Ängste zeigen sich trotz allen Fortschritts beinahe unverändert in allen Epochen. Schon in der Antike wusste man: Wohlstand und Frieden gehören untrennbar zusammen und nur ein gerechter Friede hat Bestand. Dennoch schaffen wir Menschen es nicht, immer und überall nach dieser Erkenntnis zu leben.

Titelbild: Getönter Gipsabguss und Teilrekonstruktion der Eirene des Kephisodot, © Archäologisches Museum der WWU Münster, Inv.-Nr. 446 (Foto: R. Dylka)

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