Westfälischer Friede – Stadtführerin Heide Jenzen über Frauenpower, religiösen Fanatismus und zähe Verhandlungen

Von |2018-07-03T15:40:17+00:0003.07.2018|Kategorien: Allgemein|Tags: , |0 Kommentare

Wir machen eine Zeitreise in das Jahr 1648. Seit 30 Jahren herrscht in Europa Krieg. Nahezu die Hälfte der Bevölkerung in den deutschen Territorien hat ihr Leben gelassen. Es sind wirre Auseinandersetzungen, die man ohne historisches Studium kaum versteht. So kämpfen auf der einen Seite die Konfessionen gegeneinander, der noch junge Protestantismus liegt im Konflikt mit dem Katholizismus. Andererseits geht es natürlich um politische Macht und nationale Territorien: Spanien führt seit 80 Jahren Krieg mit den Niederlanden, das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen (HRR) kämpft gegen Schweden, Niedersachsen bekriegt sich mit Dänemark usw. usw. Nur sehr schwer lässt sich vermitteln, worum es bei dem ewigen Blutvergießen eigentlich geht.

Zurück ins Jahr 2018. Gemeinsam mit der Stadtführerin Heide Jenzen sitze ich auf dem Rathausplatz in Osnabrück. Sie liebt ihre Stadt. Begeisterung ist auch das Wort, das Heide Jenzen am besten beschreibt. Sie ist kaum zu bremsen, wenn sie über den Ort und seine Geschichte erzählt.

Mit leuchtenden Augen berichtet sie mir, wie Osnabrück vor 370 Jahren ausgesehen hat: Eine kleine Stadt, plötzlich angefüllt mit Adligen, Honoratioren und deren Gefolge. Denn in Münster und hier geschah damals, was es noch nie gegeben hatte: Es wurde erstmalig erreicht, einen Frieden durch Verhandlungen statt durch Sieg oder Niederlage zu erzielen. »Im Kern waren es drei Mächte, die damals die Friedensverhandlungen führten: Schweden, Frankreich und das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen. Diese drei Nationen – vertreten durch Ferdinand III., den Sonnenkönig Ludwig XIV. und die noch nicht einmal volljährige Königin Christina von Schweden – einigten sich bereits 1641 darauf, Friedensverhandlungen führen zu wollen (Hamburger Vorfriede)«, erläutert Heide Jenzen.  »Ich stelle mir gern vor, dass Christina hier ganz erheblichen Einfluss hatte: Die blutjunge Königin interessierte sich für Kunst und Theater. An Krieg hatte sie sicherlich kein Interesse.«

Bei Heide Jenzen ist es nicht schwer, sich etwas vorzustellen: Sie erzählt spannend, geradezu mitreißend und lässt die Vergangenheit lebendig werden. »Man muss sich klar machen, dass die Verhandlungen sehr zäh und aufwändig waren. Jeder hatte Eigeninteressen, jeder wollte etwas gewinnen. Es wurde auf Lateinisch verhandelt, und gab es ein Einzelergebnis, ritten Boten nach Münster, um dort abzustimmen«, verdeutlicht Heide Jenzen mir den Ablauf.

In Osnabrück habe der Konfessionskrieg ein Kernthema gebildet, so die Stadtführerin weiter. Es sei üblich gewesen, dass die Bevölkerung zur jeweiligen Glaubensrichtung ihres Herrschers »zwangswechseln« musste. So gab es ein ewiges Hin und Her der Konfessionen – verbunden mit ständiger Flucht. Mit dem Westfälischen Frieden sei erstmalig eine feste Religionszugehörigkeit unabhängig vom Landesherrn definiert worden. »Dies war so etwas wie ein erster Schritt zur Religionsfreiheit. Man definierte ein sogenanntes Normaljahr (1624). Die damals geltenden Konfessionszugehörigkeiten wurden als Basis festgelegt und galten unabhängig von der jeweiligen Regierung. Eine kluge Lösung«, schwärmt Heide Jenzen. Nach einem fünfjährigen Kongress in Münster und Osnabrück war es 1648 dann soweit: Der Frieden ward besiegelt.

Während wir auf der Rathaustreppe stehen, in der sogenannten Kanzel, erzählt Heide Jenzen: »Hier genau haben sie gestanden, und der Platz war voll von Zuschauerinnen und Zuschauern. Und dann wurde er verkündet, der Osnabrücker Friedensvertrag mit dem beeindruckenden Titel »Instrumentum Pacis Osnabrugensis«. Dasselbe passierte in der Folge dann auch in Münster. Dort wurde der »Instrumentum Pacis Monasteriensis« noch am selben Tag ausgerufen – also ebenfalls am 24. Oktober 1648. Zwei Kriege nahmen damit endlich ihr Ende: Der Dreißigjährige Krieg sowie der 80 Jahre währende Krieg zwischen Spanien und den Niederlanden.

Heute, 370 Jahre später, liegt der Platz vor dem Rathaus ruhig in der Sonne. Osnabrück ist eine beschauliche Stadt. Die Menschen flanieren gemütlich durch die Gassen, die Cafés sind gut besucht. Es ist friedlich, und dieser Friede hat für Osnabrück noch immer symbolische Bedeutung. Die Stadt blickt voller Stolz zurück auf ihre Geschichte, und stolz kann sie auch sein. Ein Ort des Friedens zu sein, ist sicher nicht die schlechteste Mission in heutiger Zeit. Sodann verabschiede ich mich von Heide Jenzen, auf die an diesem Tag noch eine weitere Stadtführung wartet. Ich trenne mich nur ungern von ihr und ihren Geschichten und vergegenwärtige mir einmal mehr, was für ein spannendes Thema der Westfälische Friede bis heute ist.


Foto:  Rathausklinke. © Stadt Osnabrück, Janin Arntzen

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